Wittelsbacher Land 1

ZITHER-MAX TRIFFT ROBIN HOOD
- von gekrönten und geköpften Häuptern

Die Dynastie der Wittelsbacher hat in dem Landkreis, der heute nach ihr benannt ist, viele Spuren hinterlassen: die Schlösser in Friedberg, Kühbach oder Rapperzell beispielsweise. Doch ausgerechnet die mittelalterliche Burg, deren Namen das Herrscherhaus im 12. Jahrhundert angenommen hatte, ist fast spurlos verschwunden. Unsere kleine Reise durch das Wittelsbacher Land, auf der wir interessanten Personen begegnen wie dem "Zither-Max" und dem "deutschen Robin Hood", wollen wir trotzdem da beginnen, wo die Burg einst stand – im Aichacher Stadtteil Oberwittelsbach.

Reportage (Radio hr4):

[zum Anhören klicken: Atmo Glocken und Orgel der Wallfahrtskirche]

Wo ehedem die Burg Wittelsbach war, ist heute die Wallfahrtskirche Maria vom Siege. Nur ein kleiner Mauerrest mit einer Gedenktafel erinnert in Oberwittelsbach an den einstigen Stammsitz des Herrscherhauses. Schon 1209 wurde die Burg dem Erdboden gleichgemacht. Vorausgegangen war ein ungeheuerliches Verbrechen. Burgherr Otto von Wittelsbach hatte dem deutschen König Philipp von Schwaben im Zorn den Kopf abgeschlagen. Diese Meucheltat konnte natürlich nicht ungesühnt bleiben:

[O-Ton Brigitte Neumaier:]
"Zur Wiedergutmachung ist die Burg geschleift worden. Das hat ja auch ein Wittelsbacher gemacht, Ludwig der Kelheimer. Für diese Burgschleifung hat er Städte bekommen, man hat ihm damals angeboten Landsberg am Lech, Wasserburg, Straubing – waren ja reiche Städte – und da schleift man schon mal gerne seine Burg."

Aber nur wenige Kilometer entfernt, in Unterwittelsbach, hat ein paar Jahrhunderte später wieder ein Vertreter der Dynastie viel Zeit verbracht: Herzog Max in Bayern erwarb dort ein Jagdschloss. Der volkstümliche Vater von Kaiserin Sisi spielte gerne auf der Zither und war deshalb auch als "Zither-Max" bekannt. In das heutige "Sisi-Schloss" kam er häufig. Hier draußen konnte er sich der Münchner Hofgesellschaft entziehen und auch seiner "lieben" Frau Gemahlin.

Wallfahrtskirche Maria vom Siege
Modell der Burg Wittelsbach
Gut Mergenthau

[zum Anhören klicken: O-Ton Brigitte Neumaier]

"Man darf jetzt diese Herzog-Max-Geschichte nicht mit dem Romy-Schneider-Film vergleichen, weil da wird ja – Magda Schneider und Gustav Knuth sind ja exzellente Schauspieler gewesen – eine wunderglückliche Ehe dargestellt. So war's ja nicht. War eine Katastrophe, und diese Katastrophe ging über 60 Jahre. Ludovika hat ja später gesagt: 'Wir haben nicht heiraten wollen.' Und da war das auch eben ein bisserl eine Flucht dann, das Ganze."

zum Anhören klicken: Atmo Hiasl-Lied]

Immer auf der Flucht war auch der "Bayerische Hiasl" Matthäus Klostermayr. Dieser legendäre Wilderer und Räuber machte die Wälder des Wittelsbacher Landes unsicher. Die Nachwelt hat ihn als "deutschen Robin Hood" verklärt. Und ein Körnchen Wahrheit steckt wohl darin:

Herzog Max in Bayern
Kaiserin Sisi
Räuberhauptmann Hiasl

[zum Anhören klicken: O-Ton Museumsführer Hermann Habersetzer]

"Er hat also gewildert und hat dieses Wild zum größten Teil, was er selbst nicht verwerten konnte oder seine Bande, den Bauern gegeben zum Ausgleich auch von den Flurschäden, die das Wild angerichtet hat. Später wurden auch Einrichtungen überfallen, zum Beispiel die Tat in Täfertingen, da hat er den Landvogt überfallen, hat ihnen die Kasse weggenommen und hat das Geld den Bauern hingeschmissen mit den Worten: Da nehmt's es, es ist ja sowieso eures."

Als Jagdgehilfe auf Gut Mergenthau bei Kissing hatte er einst das Jagen und Schießen erlernt. Hier ist heute die "Erlebniswelt Bayerischer Hiasl" untergebracht. Und sie zeigt beide Seiten des Räuberhauptmanns – die des aufrechten Kämpfers gegen Unterdrückung, aber auch die des brutalen Mörders, die ihn schließlich den Kopf kostete. Im Wittelsbacher Land wird der Hiasl dennoch bis heute verehrt, obwohl er alles andere war als ein Freund der Wittelsbacher.

 

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SISI IM SISI-SCHLOSS
- Ausstellung über die Kaiserin von Österreich

Das Sisi-Schloss in Unterwittelsbach zeigt jährlich andere Ausstellungen zur Geschichte des Wittelsbacher Landes. 2013 steht die Tochter des ehemaligen Hausherren im Mittelpunkt. Elisabeth, genannt Sisi (oder Sissi – es gibt unterschiedliche Schreibweisen), war die zweitälteste Tochter von Herzog Max in Bayern und dessen Frau Ludovika, einer bayerischen Königstochter. Sisis Mutter hatte nach damaliger Sichtweise weit unter ihrem Stand geheiratet. Während ihre Schwestern hervorragende Partien gemacht, in Kaiser- und Königshäuser eingeheiratet hatten, bekam Ludovika "nur" einen Herzog aus der wittelsbachischen Nebenlinie Pfalz-Birkenfeld-Gelnhausen ab. Noch dazu einen, der sich mit Bürgerlichen umgab und in Wirtshäusern herumtrieb. Das ließ ihr keine Ruhe, deshalb setzte sie alles daran wenigstens ihre Töchter "gut" zu verheiraten.
So handelte Herzogin Ludovika mit ihrer Schwester Sophie, der Mutter des jungen österreichischen Kaisers Franz Joseph, aus, dass ihre älteste Tochter Helene Kaiserin werden solle. Franz Joseph aber wollte lieber die jüngere Sisi, und so kam es, dass die erst 16-jährige Wittelsbacherin Gemahlin des Kaisers von Österreich wurde.
Sisi galt als schönste Frau ihrer Zeit, und obwohl der Kaiser ihr weit mehr als in solchen Ehen üblich zugetan war, wurde sie nicht glücklich an seiner Seite. Sie flüchtete aus der Wiener Hofburg, so oft sich eine Gelegenheit ergab. Besonders ihre Tante und Schwiegermutter Sophie machte ihr das Leben schwer. Am Ende starb sie einen gewaltsamen Tod, wurde von einem politischen Extremisten ermordet.
Die Ausstellung im ehemaligen Jagdschloss ihres Vaters zeigt sie in den verschiedenen Stationen ihres Lebens. Ob sie es selbst jemals betreten hat, ist allerdings nicht erwiesen. Es wird lediglich vermutet, dass sie als Kind mindestens einmal im Unterwittelsbacher Schloss zu Gast war, weil auf einer Lithographie von Alois Flad Herzogin Ludovika mit einem kleinen Mädchen aus dem Fenster schaut, das die damals vierjährige Sisi sein könnte.

 

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GERÄDERT UND GEVIERTEILT
- die grausame Hinrichtung des "Bayerischen Hiasl"

Mitte des 18. Jahrhunderts, zu Lebzeiten also des "Bayerischen Hiasl", litten die Bauern (nicht nur) im Wittelsbacher Land große Not. Zwar gab es reichlich Wild in den Wäldern, doch das Jagen war nur den feinen Herren aus Adel und Klerus erlaubt. Wer dennoch ein Reh oder Wildschwein erlegte, musste mit drakonischen Strafen rechnen. In seiner Jugend wurde Matthäus Klostermayr zum Jagdgehilfen auf Gut Mergenthau ausgebildet, das damals im Besitz der Jesuiten war. Als er eines Tages einen Pater verspottete, weil der auf der Hasenjagd versehentlich eine Katze erschossen hatte, wurde er entlassen. Fortan ging der Hiasl ohne Erlaubnis auf die Jagd. Einmal wurde er dabei erwischt und musste eine lange Gefängnisstrafe absitzen. Nach seiner Freilassung kam ihm Kurfürst Karl Albrecht von Bayern sogar entgegen und bot ihm einen Job als Jäger an, aber der Hiasl lehnte ab. Er zog ein Leben als Räuber und Sozialrebell einem Leben in fürstlichen Diensten vor.
Ein schlauer Fuchs, wie er war, hat er die Obrigkeit immer wieder genarrt. So schrieb seinerzeit die Augsburger "Post- und Ordinari Samstags-Zeitung" über ihn:
"Matthäus Klostermayr, über den diese Zeitung verschiedentlich berichtet hat, hat sich vergangene Woche ein neues Stückl geleistet. Er ist alleine einem ganzen Detachement kurfürstlich baierischer Werber entkommen und ins Schwäbische geflohen. Wo ihn das baierische Recht nicht mehr belangen kann.
Wie aus wohlunterrichteten Kreisen berichtet wird, habe der kurfürstlich-baierische Pfleger von Friedberg seinen Einfluss spielen lassen, um den als Brentanhiasl bekannten Klostermayr auf die Liste der zum Militärdienst einzuziehenden Männer setzen zu lassen. Der jagdbegeisterte Pfleger habe damit den als Wilderer verschrieenen Mann aus dem Verkehr ziehen und disziplinieren wollen.

Am 24. April 1761 konnten die Werber den Hiasl in einem Kissinger Wirtshaus überraschen und zur Sammelstelle, einem Friedberger Wirtshaus, transportieren. Aber sie haben nicht mit dem Mut und der Schlauheit des Matthäus Klostermayr gerechnet. Der nämlich zeigte sich gar nicht verbittert oder enttäuscht. Im Gegenteil: unter der Behauptung dass er 'beim Militari' kein Geld mehr brauche, lud er Mitgefangene und Werber zum Trinken ein. Als die Stimmung unter dem Alkoholgenuss einem Höhepunkt zustrebte, konnte der Brentanhiasl sich unentdeckt absetzen. Seine Frechheit ging so weit, dass er die Stadt ganz offiziell durch das Stadttor verließ und Richtung Augsburg wanderte. Denn dort wäre er vor den Soldaten des Kurfürsten sicher gewesen.
Inzwischen aber hatten die Soldaten die Flucht des Hiasl bemerkt und schnitten ihm den Weg über die Augsburger Lechbrücke ab. Mit der Verwegenheit, die ihn schon in jungen Jahren auszeichnete, sprang er in den Lech, der zu dieser Zeit durch die Schneeschmelze viel Wasser führte und sehr kalt war. Trotz dieser widrigen Umstände gelangte er ans andere Ufer und ließ den baierischen Truppen das Nachsehen. Es wird erzählt, dass der Brentanhiasl von einem schwäbischen Bauern gepflegt und aufgepäppelt wurde und zwischenzeitlich gar wieder ins Bairische zurückgekehrt sei, um seinen Stutzen zu holen, den er auf seiner überstürzten Flucht habe liegen lassen.
Die Aufsehen erregende Flucht des Hiasl ist ein weiterer Mosaikstein in einem Bild, das den jungen Mann schon heute zu einer Legende unter den Bauern werden lässt."

Die Bauern liebten und verehrten ihn als "Fürst der Wälder", weil er die Wildschweine dezimierte und damit die Flurschäden in Grenzen hielt. Doch bei den Raubzügen mit seiner Bande, die er um sich geschart hatte, kam es immer öfter zu Gewalttaten bis hin zum Mord. Und so wurde der Hiasl selbst vom Jäger zum Gejagten.
Der Fürstbischof von Augsburg schickte ihm schließlich seine Truppen auf den Hals, 300 (!) Mann stark. An einem Gasthof im schwäbischen Osterzell wurde er mit seiner Bande festgenommen und im September 1771 in Dillingen an der Donau hingerichtet. Auf die denkbar grauenvollste Weise, denn man wollte an dem Volkshelden ein Exempel statuieren.
Der genaue Wortlaut des Urteils ist in der "Erlebniswelt Bayerischer Hiasl" auf Gut Mergenthau bei Kissing zu hören:

[zum Anhören klicken: Atmo Urteilsverkündung]

 

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Hier geht's weiter zu Karl May und der Reportage Wittelsbacher Land 2.