Augsburg (Bayern) 1 - 3

VON MARIONETTEN UND STRIPPENZIEHERN
- wo Kultur (nicht nur) am seidenen Faden hängt

Wenn städtische Kultur am seidenen Faden hängt, liegt das meistens an knappen öffentlichen Kassen. In Augsburg dagegen ist es ganz unabhängig davon, wie sparsam im Rathaus gewirtschaftet wird. Denn das kulturelle Aushängeschild der Stadt ist das berühmte Marionettentheater, die Augsburger Puppenkiste. Hier werden fast täglich die Strippen gezogen – auf ebenso virtuose wie unterhaltsame Weise. Aber Augsburger Kultur beschränkt sich nicht nur auf Puppen am seidenen Faden. Die mehr als zweitausendjährige Geschichte seit Gründung der Stadt unter dem römischen Kaiser Augustus hat schon andere Strippenzieher hervorgebracht, und sie alle haben kulturelle Spuren hinterlassen.

 

Reportagen (Radio hr4, 10.08.2013):

Augsburg 1

ENE, MENE, MISTE – WAS ZAPPELT IN DER KISTE?
Urmel und seine Freunde im Puppenkisten-Museum

Sie ist ein Stück deutsche Nachkriegsgeschichte. Die Augsburger Puppenkiste wurde 1948 von Walter Oehmichen gegründet. Fast genauso lange sind Urmel, Jim Knopf & Co. im Fernsehen zu bewundern. Die Inszenierungen für den Hessischen Rundfunk, die bereits 1953 unter der Regie von Fritz Umgelter begannen, haben das Marionettentheater weltberühmt gemacht. Die Vorstellungen im ehemaligen Heilig-Geist-Spital sind oft lange im Voraus ausverkauft. Spontan an Karten zu kommen, ist deshalb schwierig. Weil viele Menschen von außerhalb in der Vergangenheit enttäuscht wieder nach Hause fahren mussten, hat die Theaterleitung im Jahr 2000 ein Museum eröffnet. Da wenigstens können alle Puppenkisten-Fans ihre Lieblinge das ganze Jahr über sehen. Und wer frühzeitig Karten online bestellt hat, kann vielleicht doch eine ...

Titelfoto: "Urmel aus dem Eis" als Marionette im Puppenkisten-Museum

Augsburg 2

WIEDERGEBURT DER RENAISSANCE
- ein Stadtbummel durch das "Goldene Zeitalter"

Es war Augsburgs Goldenes Zeitalter, als Kaiser und Kurfürsten hier prunkvolle Reichstage abhielten, als Handel und Handwerk blühten und sich Bürgerstolz in prächtigen Bauwerken ausdrückte – es war das Zeitalter der Renaissance. Reiche Kaufleute wie Fugger und Welser hatten den italienischen Stil von ihren Handelsreisen mitgebracht. Mit seiner Rückbesinnung auf die Antike prägte er im 16. und frühen 17. Jahrhundert Kunst und Architektur der Stadt. Große Zerstörungen hat der Zweite Weltkrieg in Augsburg angerichtet, aber längst strahlen die Schätze des Goldenen Zeitalters wieder in altem Glanz. Bei einem geführten Stadtbummel erlebt man sie auf Schritt und Tritt, die Wiedergeburt der Renaissance. Aber aufgepasst, in der Heimat der Puppenkiste können sich schon mal ungebetene Gäste dazugesellen ...

Titelbild: Maximilianstraße

Augsburg 3

EIN GULDEN UND DREI HALLELUJA
- 500 Jahre soziales Wohnen in der Fuggerei

Schon vor 500 Jahren hielt ein Augsburger die Fäden in der Hand. Der Kaufmann und Bankier Jakob Fugger galt als reichster und damit mächtigster Mann seiner Zeit. Kaiser, Könige, sogar Päpste, buhlten um seine Gunst und um sein Geld. Aber Jakob Fugger war auch ein frommer Christ mit einem sozialen Gewissen. Anno 1514 beschloss er deshalb eine Siedlung für Bedürftige zu bauen. Für eine Jahresmiete von einem Rheinischen Gulden sollten in Not geratene Augsburger dort billig wohnen können. Der Betrag entsprach dem Wochenlohn eines Maurers oder dem Gegenwert von 36 Hühnern. Darüber hinaus mussten sich die Bewohner verpflichten täglich drei Gebete für das Seelenheil des Stifters zu sprechen.
Jakob Fuggers Sozialsiedlung, die Fuggerei, besteht bis heute ...

Titelfoto: Herrengasse in der Fuggerei

 

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VON ST.ULRICH ÜBER LEOPOLD MOZART BIS BERT BRECHT
- große Söhne (und Töchter) der Stadt

Die Frage nach dem größten Sohn Augsburgs müsste ich als bekennender Fan von Eintracht Frankfurt eigentlich mit Armin Veh beantworten. Der Erfolgstrainer nämlich hat am 1. Februar 1961 in Augsburg das Licht der Welt erblickt. Aber so berühmt, dass man ihm in seiner Geburtsstadt ein Denkmal oder gar ein Museum gewidmet hätte, ist er dann offenbar doch (noch) nicht. Da haben andere Herrschaften deutlich die Nase vorn:
Einer der ersten, die als große Söhne Augsburgs durchgehen können, war der Heilige Ulrich (geb. anno 890), der als Bischof im Jahr 955 entscheidenden Anteil am Sieg Ottos des Großen in der Schlacht auf dem Lechfeld gegen die Ungarn hatte. Die Schlacht gilt als eine der entscheidendsten in der deutschen Geschichte (und wurde wohl nur vom WM-Sieg 1954 gegen Ungarn getoppt ). Nach St. Ulrich sind gleich zwei Kirchen in Augsburg benannt, eine katholische und eine evangelische, die noch dazu direkte Nachbarn sind. Die größere von beiden, die katholische Basilika St. Ulrich und Afra, ist eines der Wahrzeichen von Augsburg. Ihr markanter, 93 m hoher, Zwiebelturm überragt die südliche Altstadt.

Über die Stadtgrenzen hinaus bekannter klingt allerdings der Name Mozart. Nein, nicht Wolfgang Amadeus, sondern Leopold Mozart, der Vater (geb. 14. November 1719). Wie sein noch berühmterer Sohn war er Musiker und Komponist. Er entdeckte auch die große Begabung seines Sohnes und förderte sie nachhaltig. Die Familie Mozart stammte aus dem schwäbischen Umland von Augsburg. Einer der Vorfahren, Hans Georg Mozart, machte sich beispielsweise als Baumeister des Domkapitels einen Namen. An Leopolds Großvater, den Maurermeister Franz Mozart, erinnert eine Gedenktafel in der Fuggerei, wo er zeitweise gelebt hat.
Dass Wolfgang Amadeus Mozart heute als österreichischer Komponist gilt, ist lediglich der Tatsache geschuldet, dass sein Vater Leopold zum Vize-Hofkapellmeister des Salzburger Fürstbischofs berufen wurde und sein Sohn deshalb nicht im heimatlichen Augsburg, sondern in Salzburg zur Welt kam.
Im Geburtshaus von Leopold in der Frauentorstraße ist ein Museum eingerichtet, das die Geschichte der Familie dokumentiert, ihren musikalischen Werdegang und die Auslandsreisen, bei denen Leopold Mozart seinen Sprössling vor einflussreichen Leuten und sogar vor gekrönten Häuptern stolz präsentierte.
Zu Ehren der Musiker-Familie lässt außerdem das Glockenspiel auf dem Perlachturm neben dem Rathaus zweimal täglich Mozart-Melodien erklingen.

Noch nicht sehr lange als großer Sohn Augsburgs angesehen ist der Dichter und Dramatiker Bertolt Brecht (geb. 10. Februar 1898). Seine Vaterstadt hat sich über Jahrzehnte schwer getan mit dem unbequemen Querdenker und überzeugten Kommunisten. Erst in jüngerer Zeit gestand man ihm den Stellenwert zu, den er verdient hat. Brecht ist der weltweit meistgespielte deutsche Theater-Autor. Besonders seine "Dreigroschenoper" wurde zum Klassiker und Dauerbrenner international.
Eugen Berthold Brecht, wie sein bürgerlicher Name war, entdeckte schon als Schüler ein großes Interesse für das Theater und war Stammgast an der städtischen Bühne. Allerdings gefiel ihm selten, was er dort sah, und im Lokalblatt schrieb er vernichtende Kritiken. In Augsburg fand Brecht auch seine Jugendliebe Paula Banholzer. Deren Eltern aber missbilligten die Beziehung, und als Paula ein uneheliches Kind von Brecht erwartete, wurde sie aufs Land geschickt, um einen Skandal zu vermeiden. Ihr Liebster kehrte Augsburg ebenfalls den Rücken und zog nach Berlin.
Bert Brechts Geburtshaus im Lechviertel ist inzwischen umfunktioniert worden zu einem Museum. Dort werden Leben und Werk des Dichters gebührend gewürdigt. Und am Obstmarkt gibt es den weltweit einzigen "Brecht-Shop", der Bücher, Tonträger und Souvenirs verkauft.

Zu den drei genannten Herren kämen natürlich noch zahlreiche weitere gebürtige Augsburger hinzu, die eine ausführliche Würdigung verdient hätten. Wenigstens kurz erwähnt werden sollen folgende Personen:

* Agnes Bernauer (geb. um 1410), die bürgerliche Geliebte des bayerischen Herzogs Albrecht III., die ihre unstandesgemäße Liebe mit dem Tod bezahlen musste. Sie ist auch die Heldin des Dramas "Agnes Bernauer" von Friedrich Hebbel.
* Hans Holbein der Ältere (geb. 1470), ein Maler und Bildhauer, der auch den Weingartner Altar im Augsburger Dom geschaffen hat.
* Hans Holbein der Jüngere (geb. um 1497), Sohn des oben genannten und Hofmaler König Heinrichs VIII. von England.
* Magda Schneider (geb. 17. Mai 1907), Schauspielerin und Mutter von Romy Schneider.
* Hans Sachs (geb. 26. Februar 1912), Oberstaatsanwalt und Ratefuchs im legendären TV-Quiz "Was bin ich?" mit Robert Lembke.
* Jürgen Möllemann (geb. 15. Juli 1945), FDP-Politiker, Bundesminister und bei einem Fallschirmsprung tödlich verunglückt.
* Bernd Schuster (geb. 22. Dezember 1959), als "blonder Engel" bekannt gewordener Fußballer, der u.a. für den 1. FC Köln und Real Madrid kickte und als Trainer mit den "Königlichen" spanischer Meister wurde.

Nein, nicht vergessen an dieser Stelle wurde der Kaufmann und Bankier Jakob Fugger der Reiche (geb. 6. März 1459). Mehr zu ihm gibt's unter Augsburg 3 zu lesen.

 

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