Fränkische Schweiz (Bayern)

ENTDECKE DIE LANGSAMKEIT
- Kreuzfahrt zu Lande mit der Motorkutsche

Die oberfränkische Region zwischen Bamberg, Bayreuth und Erlangen hat tatsächlich viel von dem, was sich der Romantiker unter der Schweiz vorstellt: Berge, Täler, Felsen, Höhlen, Burgen und so weiter. Schon Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Fränkische Schweiz für den Tourismus entdeckt. Zwei junge Berliner, die in Erlangen studierten, sorgten mit ihrem Reisebericht für zahlreiche Nachahmer wie den Dichter Ernst Moritz Arndt oder den Komponisten Richard Wagner. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren es wiederum die Berliner – nämlich die West-Berliner – die den idyllischen Landstrich zur Naherholung entdeckten. Schließlich liegt die Fränkische Schweiz nur wenige Kilometer hinter der ehemaligen Zonengrenze und war schon damals über die A 9 bequem zu erreichen. Auch heute noch suchen viele Menschen (nicht nur) aus der hektischen Hauptstadt Erholung in der romantischen Idylle, wo die Uhren scheinbar langsamer gehen. Und jetzt haben sie die Möglichkeit, ihr Reisetempo dem gemächlichen Takt anzupassen: bei einer Kreuzfahrt zu Lande im so genannten Aaglander, einer offenen Motorkutsche, die nach historischem Vorbild in der Fränkischen Schweiz gebaut wird.

Reportage (rbb-INFOradio, 15.05.2010):

[zum Anhören klicken: komplette Reportage]

Schloss Kühlenfels ist ein kleiner, aber feiner Herrensitz inmitten der Fränkischen Schweiz. Hier, in der Aagland-Manufaktur, werden die Motorkutschen in ebenso mühevoller wie liebevoller Handarbeit gefertigt. Der schwäbische Industrielle Roland Belz hat sich damit selbst einen Traum erfüllt – den Traum von der Entschleunigung des Reisens:

[O-Ton Roland Belz:]
"Sie werden feststellen, bei diesem gemächlichen Tempo, wo Sie nachher durch die Landschaft fahren werden, lässt sich das Land mit ganz anderen Augen tatsächlich erleben. Man hat den Blick frei für die Schönheit der Natur, und das ist das, was meiner Ansicht nach so wertvoll ist heute, wo man sonst nur von einem Termin zum andern gehetzt wird."

Na dann, worauf warten wir noch? Auch unser Reisemarschall drängt zum Aufbruch.

[Atmo-Ton Rudolf Mauderer:]
"Also, meine Damen und Herrn, unser Kommando heißt: Aufgesessen!"

Und schon setzt sich der Korso von sieben Aaglandern in Bewegung. Jede Kutsche bietet Platz für drei Fahrgäste und den so genannten Leinenführer. Er sitzt vorne auf dem Kutschbock und steuert das Gefährt. Es ist ganz einfach, meint er, ähnlich wie beim Auto:

Schloss Kühlenfels
Bis zu 3 Fahrgäste + Leinenführer
Vorsicht beim Bergabfahren!

[O-Ton Klaus Küchler:]
"Der Unterschied ist nur, dass Sie kein Lenkrad haben, sondern Zügel haben, die eigentlich wie beim Pferd die Lenkung ermöglichen."

Und weil es so einfach ist, reicht er unterwegs die Zügel auch gerne an die Mitreisenden weiter. Nur einen Warnhinweis gibt er noch mit auf den Weg: 

[O-Ton Klaus Küchler:]
"Das is 'ne reine Automatik, bloß wenn man jetzt bergab fährt, man darf 'n net zu schnell werden lassen, der kuppelt net aus, sonst könnte der Zahnriemen reißen."

So etwa muss sich Bertha Benz gefühlt haben, 1888, bei ihrer legendären Pionierfahrt mit der ersten Motorkutsche von Mannheim nach Pforzheim.
Mit maximal Tempo 20 tuckern auch wir auf kleinen, wenig befahrenen Nebenstraßen, auf Waldwegen und Feldwegen durch die Hügellandschaft der Fränkischen Schweiz. Mehr lässt der gedrosselte Dieselmotor des Aaglanders nicht zu. Sogar von Joggern werden wir überholt. Doch mehr Tempo wollen die Mitreisenden gar nicht:

[O-Töne Mitreisende:]
"Die Welt will beschleunigt werden, aber wir müssen entschleunigen, auch wenn das Wort noch nicht so richtig in den Wortschatz passt, aber Entschleunigung ist notwendig."
"Das ist 'ne ganz tolle Art die Umgebung und auch die Landschaft zu erleben, find' ich, diese Geruhsamkeit und ohne Hast, und das ist sehr schön, weil wirklich noch die Straßen autofrei sind. Da kann man das Fahren wirklich noch genießen."

Sogar Jogger überholen uns
Straßen noch autofrei
Blick auf Pottenstein

Ein erster Höhepunkt unserer Kreuzfahrt zu Lande ist das malerische Städtchen Pottenstein – weithin bekannt für seine Tropfsteinhöhle, seine Fachwerkhäuser und vor allem für seine Burg, die auf einem steilen Felsen hoch über den Dächern der Stadt thront. Der Legende nach hat die Heilige Elisabeth von Thüringen zeitweise hier gelebt.

[O-Ton Peter Freiherr von Klopmann:]
"Die Heilige Elisabeth soll 1225 sich auf der Burg Pottenstein aufgehalten haben, nach ihrer Flucht aus Thüringen, und war dort angeblich einige Zeit und hat diese Zeit auch in ähnlicher Weise genutzt wie eben als Landgräfin in Thüringen, indem sie sich um die Armen und Kranken der Stadt gekümmert hat, und deshalb ist ihr auch ein besonderes Denkmal an der Brücke gewidmet."

Ob in Pottenstein oder anderen Ortschaften, die wir durchqueren, überall ist der Kutschen-Korso die große Attraktion. Die Bewohner schauen aus dem Fenster, laufen auf die Straße, winken und fotografieren. Auch an der Basilika von Gößweinstein sind wir umringt von Schaulustigen. Für eine Reisegruppe aus Asien verblasst sogar offensichtlich die barocke Pracht der Wallfahrtskirche mit dem berühmten Hochaltar von Johann Michael Küchel. Und dabei ist er ein wahres Meisterwerk.

[O-Ton Georg Scheffner:]
"Der Innenarchitekt Küchel, der hier diesen Hochaltar entworfen hat, wollte eben den Himmel öffnen, und das hat er getan, indem er sich die ganze Szene vorstellte wie auf einer Theaterbühne. Also, es wird der Vorhang geöffnet, es wird der Eindruck erweckt, als würde dies geschehen durch zwei Engel links und rechts, und es treten also nun zentrale Glaubensgestalten in Erscheinung, aus dem Himmel quasi hervortretend."

Winkende Passanten
Hochaltar in Gößweinstein
Georg Scheffler an der Orgel

Georg Scheffner macht uns nicht nur mit der Kunstgeschichte vertraut, als Kirchenmusiker versteht er auch, die Orgel der Basilika klangvoll in Szene zu setzen.

[Atmo: Kirchenorgel]

Die Fränkische Schweiz ist eine vom Katholizismus geprägte Gegend. Das ist nicht zu übersehen. Hier im Wallfahrtsort Gößweinstein oder auf offener Strecke, wo wir immer wieder kleine Marienkapellen entdecken oder Bildstöcke wie die "Weiße Marter" bei Köttweinsdorf.

Die Fränkische Schweiz ist eine vom Katholizismus geprägte Gegend. Das ist nicht zu übersehen. Hier im Wallfahrtsort Gößweinstein oder auf offener Strecke, wo wir immer wieder kleine Marienkapellen entdecken oder Bildstöcke wie die "Weiße Marter".

[O-Ton Rudolf Mauderer:]
"Die Geschichte, die dahinter sich verbirgt, ist hier auch beschrieben, nämlich dass im Jahre 1769 ein Metzgermeister aus Kronach auf Wallfahrt ging, um für die Gesundheit seiner todkranken Tochter zu beten, und an dieser Stelle hat er dann die Basilika erblickt und die Tochter wurde gesund, und er hat sein Gelöbnis erfüllt und hat hier zum Dank die Weiße Marter errichtet."

Basilika Gößweinstein
Weiße Marter
Slow food

Von dem Standbild der Dreifaltigkeit ist es nicht mehr weit zum Forsthaus Schweigelberg. In der gemütlichen Waldgaststätte kommt fränkische Küche auf den Tisch: gebeizter Saibling, Kalbstafelspitz und Waldmeister-Weincreme. Alles aus frischen Zutaten; "Slow Food" statt Fast Food heißt die Philosophie – passend zu unserer entschleunigten Art des Reisens.

Und spätestens nach dem leckeren Essen sind auch die letzten von der Fränkischen Schweiz überzeugt. Allenfalls eine Mitreisende aus Zürich meldet noch leise Zweifel an:

[O-Ton Mitreisende:]
"Sie ist doch viel größer, viel großräumiger als die Schweizer Landschaften. Da ist alles viel näher beieinander, und hier kann man doch recht große Strecken zurücklegen und es ist alles groß. Also, die Felder sind groß, die Wälder sind groß, die Dörfer sind ein bisschen kleiner. Also, ich sehe wenig Ähnlichkeit mit der Schweiz."

 

_______________________________________________________________________________________

Diese Webseite verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookienutzung zu.


Video:
"Kutsch as kutsch can" – Fahrt mit dem Aaglander durch Kühlenfels

 

_______________________________________________________________________________________

AAGLANDER-KREUZFAHRTEN IN BERLIN
- mein Interview mit Peter Freiher von Klopmann

- Man kann ja diese Aaglander-Kreuzfahrten nicht nur hier am Ursprungsort in der Fränkischen Schweiz machen, sondern mittlerweile deutschlandweit, sogar in der Großstadt Berlin. Wie sieht denn so eine Kreuzfahrt da aus?

"Es ist richtig, Sie sagen es, man kann es deutschlandweit machen, das heißt, die Idee, die dahinter steht, ist tatsächlich das Reisen so zu erleben, wie man früher gereist ist. Also, da war ja beim Reisen nicht das Ziel sozusagen im Fokus gestanden, es war die Reise im Fokus gestanden, entgegen der heutigen Reisegewohnheit, wo man eigentlich die Distanz nur überbrücken möchte, möglichst schnell, um zum Ziel zu kommen. Und Goethe hätte die Reise nach Italien nicht geschrieben, wenn er heute gelebt hätte, weil da wäre er nämlich nur in Italien angekommen. Und das ist auch die Idee der Kreuzfahrt zu Lande, der Aaglander-Kreuzfahrt zu Lande, dass man eben die verschiedenen, ganz unterschiedlichen, Landschaften Deutschlands auf dieser Reise kennen lernt und - natürlich jetzt mit Recht Ihre Frage - wieso die Aaglander-Kreuzfahrt zu Lande in Berlin? Berlin zeichnet sich eben im Gegensatz zu anderen Städten dadurch aus, dass es natürlich eine sehr grüne Stadt ist, dass es eine kulturell sehr reiche Stadt ist und dass es eine sehr pulsierende Stadt ist ..."

Freiherr von Klopmann (rechts)

[zum Anhören klicken: komplettes Interview mit Baron Klopmann]

 

_______________________________________________________________________________________

Hier geht's zurück zum Start.