Göttingen (Niedersachsen)

STERNSTUNDEN DER MATHEMATIK
- auf den Spuren des Superhirns C. F. Gauß

n mal (n plus 1) geteilt durch 2 – diese mathematische Formel wird auch „Der kleine Gauß“ genannt. Den allermeisten dürfte sie in ihrer Schulzeit schon mal begegnet sein. Mit der Formel kann die Summe jeder Zahlenreihe ermittelt werden, die mit 1 beginnt. Erdacht hat sie das Superhirn Carl Friedrich Gauß – und zwar im zarten Alter von neun Jahren! Während seine Mitschüler mühsam 1 + 2 + 3 und so weiter bis 100 zusammenzählten und sich dabei immer wieder verrechneten, hatte der junge Gauß in Nullkommanichts das richtige Ergebnis parat. Schon damals deutete sich an, dass aus dem Kind eines Schlachters einer der berühmtesten Mathematiker seiner Zeit werden würde.
Gauß war 1777 in Braunschweig geboren, er verbrachte aber den größten Teil seines Lebens in Göttingen, wo er an der Universität zuerst studierte, später lehrte und schließlich 1855 starb. Dem „Fürsten der Mathematik“ hat Göttingen viel zu verdanken. Ihm zuliebe, so heißt es, soll sein Bewunderer Napoleon Bonaparte auf die Beschießung der Stadt verzichtet haben.
Mit einer speziellen Gästeführung, genannt die „Sternstunden der Mathematik“, ehrt Göttingen seit neuestem seinen großen Sohn. Und mehr noch: Am Deutschen Theater der Universitätsstadt wird seit dieser Spielzeit (Stand: 2010) „Die Vermessung der Welt“ aufgeführt, eine satirische (Tragi-)Komödie nach dem Bestseller-Roman von Daniel Kehlmann. Die Hauptfiguren in dem Stück: Der kauzige Naturforscher Alexander von Humboldt und sein mindestens ebenso kauziger Zeitgenosse, der Mathematiker Carl Friedrich Gauß.

Reportage (Radio hr4, 16.10.2010):

[zum Anhören klicken: komplette Reportage]

[Szene aus dem Theaterstück "Die Vermessung der Welt":]
(Lehrer:) "Alle Zahlen von 1 bis 100 zusammenzählen. Na los, keine Maulaffen feilhalten! Anfangen, los!"
(Erzähler:) "Gauß stand nach drei Minuten mit seiner Schiefertafel, auf die nur eine einzige Zeile geschrieben war, vor dem Lehrerpult."
(Lehrer:) "So, und was soll das?"
(Gauß:) "5050."
(Lehrer:) "Was?"
(Gauß:) "Darum ist es doch gegangen bei der Addition von allen Zahlen von 1 bis 100. 100 und 1 gibt 101, 99 und 2 gibt 101, 98 und 3 gibt 101, immer 101. Das kann man fünfzigmal machen, also 50 mal 101. Die Zahl ist 5050."
(Lehrer:) "Gott verdamm' mich."

Schon als Dreikäsehoch verblüffte Carl Friedrich Gauß seinen Lehrer. Auch der Herzog von Braunschweig wurde bald auf den Wunderknaben aufmerksam, förderte seine Ausbildung und finanzierte sein Studium. Gauß wollte nach Göttingen, wo der berühmte Experimental-Physiker Georg Christoph Lichtenberg lehrte und wo es eine der besten Bibliotheken Europas gab:

[O-Ton Barbara Fink:]
"Göttingen hat neben Paris, Washington und London die einzige vollständig auf Pergament gedruckte Gutenberg-Bibel in ihrem Besitz, und das war halt für sämtliche Fakultäten, war das hervorragend ausgestattet, wobei es heißt, dass das erste Buch, was Gauß sich ausgeliehen hat, ein Liebesroman gewesen ist."

Stadtführerin Barbara Fink nimmt uns mit auf einen Rundgang durch die Göttinger Innenstadt, wo wir Gauß auf Schritt und Tritt begegnen. Gleich gegenüber der Uni-Bibliothek war seine erste Studentenbude. Er lernte fleißig, vertiefte sich in die Geometrie und entwickelte beispielsweise eine Formel für ein regelmäßiges Siebzehneck (!) Aber Genie macht einsam. Abgesehen von Lichtenberg war Gauß seinen Professoren ebenso unheimlich wie seinen Kommilitonen. Und er hatte nur einen einzigen echten Freund – den jungen Ungarn Bolyai.

Barbara Fink neben Lichtenberg-Statue
Ehem. Accouchierhaus
Alois Reinhardt als junger Gauß

[O-Ton Barbara Fink:]
"Die beiden sind kurz vor Ende des Studiums nach Braunschweig zu Gauß’ Eltern gewandert – man wanderte ja damals. Und dann hat die Mutter von Gauß den Wolfgang Bolyai zur Seite genommen und gefragt, ob denn was aus ihrem Sohn werden würde. Und er mit einem Brustton der Überzeugung: ja, der größte Mathematiker der Welt."

Wenn man dem Theaterstück glauben darf, war der größte Mathematiker der Welt nicht nur ein Freund der Zahlen, sondern auch ein Freund der Frauen. Im so genannten Accouchierhaus soll er regelmäßig eine russische Prostituierte besucht haben. Geheiratet hat er die Braunschweigerin Johanna Osthoff. Sie war seine große Liebe. Doch selbst in der Hochzeitsnacht konnte er von der Mathematik angeblich nicht lassen.

[Szene aus dem Theaterstück "Die Vermessung der Welt":]
(Erzähler 1:) "Als er seine Hand über ihre Brust zum Bauch und dann…"
(Erzähler 2:) "Er entschied sich es zu wagen, obwohl ihm war, als ob er sich dafür entschuldigen müsste."
(Erzähler 1:) "…weiter hinabwandern ließ, schämte er sich, dass ihm ausgerechnet in diesem Moment klar wurde, wie man Messfehler der Planetenbahnen approximativ korrigieren konnte."
(Gauß:) "Ich bitte um Verzeihung."
(Erzähler 1:) "Er stand auf, stolperte zum Tisch, tauchte die Feder ein und schrieb, ohne Licht zu machen."
(Johanna:) "Ich kann das jetzt nicht glauben!"

Mit seiner Frau Johanna zog Carl Friedrich Gauß in die Göttinger Nikolaistraße. Dort hielt er auch Vorlesungen, denn aus dem ehemaligen Studiosus war inzwischen der Professor Gauß geworden. Die Lehrtätigkeit aber hasste er, seine Studenten hielt er allesamt für begriffsstutzige Esel:

Deutsches Theater in Göttingen
Gauß-Haus in der Nikolaistraße
Andreas Jeßing als alter Gauß

[Szene aus dem Theaterstück "Die Vermessung der Welt":]
(Erzähler 1:) "Er sprach so langsam, dass er den Anfang des Satzes vergessen hatte, bevor er zum Ende kam. Es half nichts, sie verstanden nicht, am liebsten hätte er geweint."
(Erzähler 2:) "Er fragte sich, ob die Beschränkten ein spezielles Idiom hatten, das man lernen konnte wie eine Fremdsprache. Er gestikulierte mit beiden Händen, zeigte auf seinen Mund und formte die Laute, als hätte er es mit Taubstummen zu tun."

Lediglich auf den jungen Physiker Wilhelm Weber hielt Gauß große Stücke. Stadtführerin Barbara Fink führt uns zu einem Denkmal der beiden Wissenschaftler an der Bürgerstraße. Gemeinsam haben Weber und Gauß den ersten elektromagnetischen Telegrafen erfunden.

[O-Ton Barbara Fink:]
"Die erste Nachricht, so heißt es, wäre Michelmann kömmt. Kann nicht sein, das war nämlich der Gehilfe von Gauß. Der war aber erst 1845 eingestellt worden. Und diesen elektromagnetischen Telegrafen haben sie schon 1837 entwickelt. Und die erste Nachricht war tatsächlich wesentlich bedeutungsvoller: Wissen vor meinen, sein vor scheinen."

Der Telegraf verband das Physikalische Institut der Universität mit der Sternwarte, deren erster Direktor Carl Friedrich Gauß war und die zu den modernsten ihrer Zeit gehörte.

[O-Ton Barbara Fink:]
"Die Sternwarte war also das Nonplusultra der damaligen Architektur. Sie war exakt nach Nord-Süd ausgerichtet, sie war weit genug weg von der dreckigen Innenstadt, und sie hatte einen erschütterungsfreien Unterbau, sodass die Instrumente gesichert aufgestellt werden konnten."

Telegrafen-Erfinder Weber u. Gauß
Ehem. Sternwarte
"Vermessung der Welt" im Theater

Der Blick in die Sterne diente vor allem zur Berechnung von Entfernungen auf der Erde. Die Vermessung der Welt verband Gauß mit seinem Zeitgenossen Alexander von Humboldt ebenso wie die Erforschung des Erdmagnetismus. Doch während Humboldt dazu in ferne Länder reiste, blieb Gauß lieber daheim und verließ sich ganz auf Mathematik und Physik:

[Szene aus dem Theaterstück "Die Vermessung der Welt":]
(Erzähler:) "Den größten Teil seiner Tage verbrachte Gauß vor einer langen, an einer Verstärkerspule pendelnden Eisennadel. Humboldts Vermutung wurde bestätigt. Das Erdfeld fluktuierte, seine Stärke veränderte sich periodisch."
(Gauß:) "Man muss nicht auf Berge steigen oder sich durch den Dschungel quälen. Wer diese Nadel beobachtet, sieht auf das Innere der Welt."

Die Strapazen einer Reise waren Gauß stets unangenehm, und so verwundert es nicht, dass er im heimatlichen Göttingen gestorben ist. Barbara Fink zeigt uns sein Grabmal unweit des Deutschen Theaters. Dort wurde der große Mathematiker beigesetzt, dann aber wieder ausgebuddelt und sein Gehirn entnommen.

[O-Ton Barbara Fink:]
"Gauß' Totenruhe wurde vermutlich gestört, weil man wissen wollte, wie so ein Hirn aussieht eines Genius’, weil man ja die Vorstellung hatte, da muss irgendeine besondere Hirnwindung sein, dass er so genial gewesen ist."

Das Superhirn allerdings sah aus wie jedes andere. Die Naturwissenschaft findet eben nicht für alles eine Erklärung – und das ist vielleicht auch gut so.

 

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"DIE VERMESSUNG DER WELT" AM DEUTSCHEN THEATER IN GÖTTINGEN
- mein Interview mit Intendant Martin Zurmühle

- in Braunschweig ist "Die Vermessung der Welt" ja schon als Bühnenstück aufgeführt worden. Wie kam es denn dazu, dass es jetzt auch in Göttingen seit dieser Spielzeit aufgeführt wird?

"Also, vordergründig das Naheliegendste ist es natürlich, dass es hier in Göttingen auch spielt und der Göttinger Bürger sozusagen seine Schauplätze auch wiedererkennt. Aber was uns interessiert hat, ist eigentlich was anderes. Der Wissenschaftler hat manchmal so ein bisschen den Anstrich des Einzelgängers und ist auch, wenn man es historisch betrachtet, also gerade Gauß, ein bisschen mit einem Mief behaftet. Also, man hat das Gefühl, Gauß ist eigentlich eine Figur, die einen nicht interessiert, wenn man ihn auf den Bildern sieht. Und der Daniel Kehlmann, der den Roman ja geschrieben hat, der die Basis ist für das Stück, ganz klar, das ist reiner Kehlmann-Text im Prinzip, der nur auf Dialoge aufgeteilt ist. Kehlmann hat eine ganz andere Sicht auf diesen Gauß gehabt, und zwar die, die einem richtig Spaß macht. Er hat den jungen Gauß vor allem gut porträtiert. Das ist ein junger Mensch, der wie ein Kind praktisch die Welt vermisst, der eine sehr große Naivität hat und gleichzeitig eine überdurchschnittliche Intelligenz. Diese Verbindung von beidem gibt ihm was Genialisches eigentlich. Und diese Figur hat uns interessiert, und dann sind wir im Zusammenhang mit dem Gauß natürlich auf den anderen gestoßen, auf den Humboldt, und haben festgestellt, dass der ganz ähnlich gelagert ist und natürlich ganz anders lebt, ganz einzelgängerisch ist und natürlich die Sinnlichkeit verdrängt, und für den ist das Vermessen ganz anders, ein sinnlicher Akt. Er geht raus in die Welt, er sitzt nicht zu Hause in der Studierstube ..."

[zum Anhören klicken: komplettes Interview mit Theater-Intendant Zurmühle]

 

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