Venezuela 1

SCHÄUMENDE KASKADE
- Expedition zum höchstens Wasserfall der Welt

Die Wasserfälle von Iguazu an der Grenze zwischen Argentinien und Brasilien gelten als die größten ihrer Art weltweit. Aber der höchste Wasserfall der Erde liegt in Venezuela: Der Salto Angel im Bergland der Gran Sabana stürzt fast einen Kilometer ungebremst in die Tiefe. 976 Meter genau – etwa zehnmal so tief übrigens wie die Victoria-Fälle in Afrika. Kein Wunder, dass er zu den größten Attraktionen zählt, die das Land zu bieten hat. Einziger Haken: Der Salto Angel liegt so tief im Urwald, dass man nur mühsam hin kommt. Schon der nächstgelegene Ort Canaima ist nur mit dem Flieger zu erreichen. Von dort werden Expeditionen per Einbaum angeboten, die mindestens einen ganzen Tag in Anspruch nehmen. Entspannter ist es, mindestens eine Übernachtung in einem Hängematten-Camp einzuplanen. Doch der schnellste Weg zum Fall der Fälle führt durch die Luft.

Reportage (2005 produziert für Radio hr1, nicht gesendet):

[zum Anhören klicken: komplette Reportage]

[Atmo: Motor einer Cessna]

Hoffentlich kriegen wir ihn überhaupt zu sehen. Der Flug mit der kleinen Cessna war nicht ganz billig. Und beim Start in Ciudad Bolívar konnte uns keiner sagen, wie das Wetter ist am Salto Angel. Gibt er sich heute freizügig oder hüllt er sich in Wolken – wie so oft? Doch die Sorge ist unbegründet. Als wir den Fall der Fälle erreichen, tut sich die Wolkendecke auf und er strahlt im Licht der Morgensonne. Ein unvergesslicher Anblick:

[O-Töne Passagierinnen:]
"Auf jeden Fall. Das war so grandios!"
"War spitze. Ich fand's ganz, ganz toll. Ich bin begeistert."

Denn es ist ja nicht die schäumende Kaskade allein, die so beeindruckt. Es ist fast noch mehr die grandiose Landschaft drumherum mit ihren gewaltigen Tafelbergen, den Tepuis. Wie steinere Monumente ragen sie aus dem Urwald heraus. Nach indianischer Überlieferung ein Werk der Götter.

[O-Ton Julio, spanisch:]
"Es ist immer noch schön, obwohl ich schon Hunderte Male drübergeflogen bin, sagt Julio, unser Pilot. Es ist einfach zu schön. Das muss man gesehen haben."

Ein paar Tage später kommen wir mit dem Boot zurück zum Salto Angel. Nachdem wir ihn von oben gesehen haben, wollen wir ihn nun auch von unten anschauen. Nach einer mehrstündigen Flussfahrt und einem beschwerlichen Fußmarsch durch den Dschungel taucht er plötzlich direkt vor uns auf. Einfach berauschend.

Salto Angel von oben
Cessna-Pilot Julio
Salto Angel von unten

[Atmo: Wasserfall]

[O-Töne Touristen:]
"Der Wasserfall ist schon gigantisch, vor allen Dingen diese Farbenpracht, wenn die Sonne draufscheint. Das ist einfach das Naturspektakel schlechthin."
"Diese Gischt, die hier durch die Luft wabert, das ist schon 'n tolles Naturschauspiel, und wir haben Glück, dass er viel Wasser hat, der Salto Angel."
"Supertoll, er sieht wirklich beeindruckend aus. Es ist supergeil!"

Manche meinen ja, man sieht ihm die enorme Fallhöhe gar nicht an, wenn man so dicht davorsteht. Aber die 976 Meter sind verbrieft. Ob er damit allerdings wirklich der höchste Wasserfall der Welt ist, steht nicht hundertprozentig fest. Oliver Schmitz, unser deutscher Reiseleiter, meldet Zweifel an.

[O-Ton Oliver Schmitz:]
"Wir haben unten beim Sarisarinama und unten beim Cerro Neblina – das sind einige Tepuis, die ganz unten im Süden liegen, die wenig erforscht sind, wo erst eine echte Expedition unten war – und die haben vermutet, dass ein Wasserfall, den sie gesehen haben, wesentlich höher ist, wobei man nicht weiß, ob der das ganze Jahr Wasser führt und wie hoch er wirklich ist. Er ist nie vermessen worden."

Auch der Salto Angel wurde erst 1935 entdeckt – von dem amerikanischen Abenteurer Jimmy Angel. Auf der Suche nach Gold fand er einen noch viel größeren Schatz. Und der hat bis heute nichts an Wert verloren. Wir campieren am Flussufer zu seinen Füßen. Unzählige Fotos werden geschossen. Und der Fall der Fälle hält unseren Blick gefangen, bis die Sonne hinter dem Tafelberg verschwindet.

[Atmo: Zikaden]

 

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Hier geht's weiter in den Urwald und zur Reportage Venezuela 2.