Usedom 1

HERINGSDORF
- der mondäne Glanz der Gründerzeit

Kaiser Wilhelm II. war häufiger Gast, aber beileibe nicht der erste Hohenzollernherrscher auf Usedom. Schon sein Urgroßvater Friedrich Wilhelm III. von Preußen besuchte 1820 mit Familie ein damals namenloses Fischernest an der Ostseeküste. Der örtliche Gutsbesitzer bat den mitgereisten Kronprinzen alleruntertänigst, dem Dorf einen Namen zu geben. Wegen des strengen Geruchs, der in der Luft lag, sagte der Prinz: "Nennen wir es doch einfach Heringsdorf."
Schon wenige Jahrzehnte später hatte sich das trostlose Fischernest zum schmucken Seebad gewandelt, in dem sich die feine preußische Gesellschaft ein Stelldichein gab. Viele ließen sich stattliche Villen bauen, manche als originalgetreue Kopie ihres Berliner Domizils. Von dem gewaltigen Aufschwung profitierten auch die Heringsdorfer Nachbarorte Bansin und Ahlbeck. Es entstand die längste Strandpromenade Europas (8,5 km). Heute sind alle drei unter dem Dach der Gemeinde Heringsdorf zusammengefasst. Fast vollständig restauriert, haben sie vom mondänen Glanz der Gründerzeit nichts verloren – im Gegenteil.

Reportage (Radio hr4, 09.05.2009; hr-iNFO, 06.06.2009):

[zum Anhören klicken: komplette Reportage]

An der neuen Seebrücke, mitten in Heringsdorf, treffen wir Stadtführerin Eva John. Ausgerechnet hier, im Schatten zweier mächtiger Betonklötze aus DDR-Zeiten, starten wir zu einem Bummel auf den Spuren der prächtigen Bäderarchitektur. Doch nur ein paar Meter neben den neuzeitlichen Bausünden steht eines der architektonischen Highlights – die Villa Staudt. Sie gehörte einst einem reichen Kaufmann, und Seine Majestät, der Kaiser, kam häufig zum Tee. Auch in Bansin und Ahlbeck hatte er seine Lieblingsplätze.

[O-Ton Eva John:]
"Diese oftmaligen Besuche Kaiser Wilhelms des Zwoten haben uns also bewogen, diese Badeorte, die heutigen Seeheilbäder, gleich nach der Wende zu vermarkten als die Kaiserbäder oder auch Die kaiserlichen Drei."

Wahre Paläste sind es denn auch, die Aristokraten, Bankiers und Industrielle vor allem in Heringsdorf selbst hinterließen. Davon können wir uns auf unserem Bummel überzeugen. Neo-Renaissance, Neo-Barock, Jugendstil – ein Architektur-Mix, wie ihn heute wohl kein Bauamt mehr genehmigen würde. Leider! Besonders prägend war der Klassizismus. Eva John zitiert den Dichter Heinrich Mann:

Seebrücke
Stadtführerin Eva John
"Nizza der Ostsee"

[O-Ton Eva John:]
"In Heringsdorf gibt es viele Säulen an den Häusern, auch der flache Giebel spielt eine Rolle. Für ein Seebad von Rang muss sich dieser Stil als der geeignetste erwiesen haben, denn er ist stattlich und beschaulich zugleich. Er passt in das idyllische Grün der Gärten und steht überaus repräsentativ im Angesicht des Meeres."

Repräsentieren war oberstes Gebot. Wer zur Sommerfrische in Heringsdorf weilte, wollte sehen und gesehen werden. Das galt auch und vor allem für die Damen.

[O-Ton Eva John:]
"Einige ganz mutige von ihnen gingen auch auf dieser tollen Naturpromenade mit einem Sonnenschirm spazieren. Man war ängstlich darauf bedacht seine vornehme Blässe nur ja nicht gegen eine gesunde Bräune einzutauschen. Die Bademoden waren auch anders, sie mussten hochgeschlossen sein. Und die Herren durften sich damals der Damenbadeanstalt nur auf eine Entfernung von bis zu 75 Metern nähern."

Villa Hintze
Villa Oppenheim
Villa Oechsner

Heute ist das Publikum bunt gemischt: Männer und Frauen, gut Betuchte und weniger gut Betuchte – im doppelten Sinne – hocken Seite an Seite in den Strandkörben. Die Zeiten haben sich geändert, aber die mondäne Kulisse ist geblieben. Ein Heringsdorfer Ortschronist hat das Wort vom "Nizza der Ostsee" geprägt. Mehr als hundert Jahre ist das her, doch seine Begründung erscheint noch heute aktuell:

[O-Ton Eva John:]
"Nizza der Ostsee, weil hier stets vom Frühjahr bis tief in den Herbst hinein eine weiche und milde Luft herrscht. Dazu kommen der herrliche Strand und die blaue See."

Und um das alles zu genießen, braucht man in den Kaiserbädern heute, Gott sei Dank, kein reicher Bankier zu sein, auch kein Aristokrat und schon gar kein Kaiser!

 

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