Teutoburger Wald 3

BEWEGEND: EIN DÜSTERES KAPITEL
- die Wewelsburg bei Büren

Die Wewelsburg ist eine von nur ganz wenigen Dreiecksburgen in Deutschland (und mit Sicherheit die schönste). Sie liegt zwar am äußersten Rand der Urlaubsregion Teutoburger Wald, im gleichnamigen Ortsteil von Büren, südwestlich von Paderborn. Aber ihre Geschichte ist zu bewegend, um sie an dieser Stelle außen vor zu lassen. Vor allem ihr düsterstes Kapitel: In der Zeit des Nationalsozialismus sollte auf der Burg nämlich ein ideologisches Zentrum von Hitlers sogenannter Schutzstaffel, der SS, entstehen. Erst die Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg setzte den hochtrabenden Plänen ein Ende. Die Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg beleuchtet die dunkle Vergangenheit. Ein Besuch lässt erahnen, wie es damals war und wie es noch hätte werden können.

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Reportage (nur für diese Webseite):

Imposant thront die Wewelsburg auf einem Bergsporn über dem gleichnamigen Dorf. Ein Fürstbischof von Paderborn hat die einst mittelalterliche Burg zu einem Renaissance-Schloss umbauen lassen. Zeitweise kam er zum Jagen hierher, zeitweise nutzte er sie auch als Nebenresidenz. Später verfiel sie zusehends, bis die Nazis sie zum symbolischen Preis von einer Reichsmark pro Jahr vom Landkreis Büren anmieteten.

[O-Ton Kirsten John-Stucke:]
"In den 30er Jahren, bevor der Krieg ausgebrochen ist, hat man hier sehr viel, ich sag' mal, so pseudowissenschaftlich gearbeitet. Es gab eine eigene Burgmannschaft hier, SS-Wissenschaftler, die hier gearbeitet haben, die archäologisch gegraben haben, Ahnenkunde betrieben haben, eigentlich alles so Ideen und Vorhaben, um die germanische Tradition als etwas Besonderes darzustellen, also germanische Ausgrabungen, die dann hochstilisiert, als eine höhere Kulturstufe dargestellt wurden."

Gefunden haben die SS-Archäologen nichts, was auf die Germanen hindeutete, erzählt Kirsten John-Stucke vom Kreismuseum Wewelsburg weiter. Stattdessen begann man 1939 mit den Bauarbeiten:

[O-Ton Kirsten John-Stucke:]
"Heinrich Himmler als Reichsführer der SS wollte die Wewelsburg zu einer Zentrale für seine SS umbauen lassen und hatte da riesige Pläne vor, richtig größenwahnsinnige Ideen; das ganze Dorf wäre platt gemacht worden und hätte einer ringförmigen riesigen Anlage weichen müssen, und dafür hat er das Konzentrationslager hier einrichten lassen, die Häftlinge mussten viel im Steinbruch arbeiten, extrem schwere körperliche Bedingungen, viele im Straßenbau und dann eben auch am Nordturm."

Einige Räume des Nordturms sind heute auch für Museumsbesucher begehbar. Darunter die sogenannte Gruft, die vermutlich dazu dienen sollte, Tote zu bestatten oder der Toten der SS zu gedenken.

[O-Ton Kirsten John-Stucke:]
"Man kann an dem Hall schon hören, dass es ein großer Kuppelbau ist. Diese Akustik ist natürlich so gewollt. Es sollte möglichst weihevoll hier wirken. In der Mitte des Raumes sollte vermutlich eine Flammenschale stehen, so eine Art ewige Flamme, die dann hier brennen sollte."

Über der Gruft befindet sich ein kreisrunder Raum, der als Obergruppenführersaal bezeichnet wurde. Vermutlich traf sich Himmler hier mit anderen SS-Größen im Juni 1941, eine Woche vor dem Russlandfeldzug.

Wewelsburg
Gruft unter dem Nordturm
"Obergruppenführersaal"

[O-Ton Kirsten John-Stucke:]
"Und da können wir dann belegen, dass die SS sich dann auch bemüht hat, hier sich ihrer eigenen Stärke nochmal zu vergewissern, nochmal zu sagen, wir ziehen jetzt gegen den 'Untermenschen' los und wir sind die 'Herrenmenschen', wir sind diejenigen, die die Vormachtstellung haben. Und das ist dann auf der Wewelsburg wirklich zelebriert worden."

Die Architektur des Obergruppenführersaals erinnert an eine Kirche mit romanischen Fensterbögen und zwölf Säulen. Auf dem Fußboden ein Mosaik, das ein zwölfspeichiges Sonnenrad darstellt.

[O-Ton Kirsten John-Stucke:]
"Das ist ein typischen Runensymbol, das von der SS gerne verwandt wurde. In dieser Form jetzt hier, dass es diese verwinkelten Speichen sind, das ist aber einzigartig. Das findet man hier vor allem in der Wewelsburg, dieses Zeichen, und seit den 90er Jahren wird dieses Symbol innerhalb der rechtsextremen und rechtsesoterischen Szene auch als 'Schwarze Sonne' bezeichnet."

Der Museumsleitung ist sehr daran gelegen, dass die Räume nicht von Besuchern aus der rechten Szene missbraucht werden. So will sie beispielsweise auch verhindern, dass sich Besucher auf das Sonnenrad stellen und Selfies machen.

[O-Ton Kirsten John-Stucke:]
"Deswegen haben wir bunte Sitzsäcke auf den Boden geworfen, und das funktioniert hier sehr gut. Als Einzelbesucher ist man erst mal irritiert, warum hier gerade Sitzsäcke rumliegen, und kann sich dann über die Broschüren informieren. Wenn wir hier mit Gruppen reinkommen, dann legen die sich natürlich erst mal in diese Säcke rein, und das ist genau das, was wir wollen – dass man seine Haltung verändert, dass man sich nicht ehrerbietig rund um dieses Sonnenrad versammelt, sondern dass man sich erst mal fläzt und eben keine stramme Haltung einnimmt."

Auch die Devotionalien in der eigentlichen Ausstellung "Ideologie und Terror der SS" werden so gezeigt, dass nicht der Eindruck der Verherrlichung entsteht. So ist beispielsweise die Beschriftung einer schwarzen Uniform so angebracht, dass die Runen auf den Exponaten verdeckt bleiben. Andere Exponate wie ein SS-Silberbesteck werden in schmucklosen Archivkartons gezeigt. Alles soll möglichst neutral und nüchtern wirken.

SS-Uniform mit verdeckten Runen
NS-Propaganda
Kirsten John-Stucke

[O-Ton Kirsten John-Stucke:]
"Bei den Totenkopfringen zeigen wir das Original neben der Fälschung. Da wird dem Teil natürlich auch so ein bisschen von seiner Aura genommen, weil man dann gar nicht mehr weiß, was ist denn jetzt das Original und die Fälschung, und schon versucht man eher analytisch dran zu gehen und nicht mit dieser weihevollen auratischen Idee."

Ein wichtiger Teil der Ausstellung ist dem Konzentrationslager gewidmet, dass Himmler im Dorf anlegen ließ, um immer genügend Arbeitssklaven für sein Projekt zur Verfügung zu haben. Insgesamt 3900 Menschen waren zwischen 1939 und 1945 in Wewelsburg interniert.

[O-Ton Kirsten John-Stucke:]
"Das waren 'Schutzhäftlinge', viele politische, viele aber auch als Zeugen Jehovas, die aus religiösen Gründen zum Beispiel sich geweigert haben sich in diese 'Volksgemeinschaft' einzugliedern, die den 'Führereid' verweigert haben. Die ganze Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas ist damals verboten gewesen, und alle die weiterhin Zeugen Jehovas blieben, sind dann halt ins Konzentrationslager eingewiesen worden. Ganz extrem dann aber ab 1942 sowjetische Kriegsgefangene, die hier in großen Gruppen hingekommen sind aus dem Ruhrgebiet häufig und dann hier im Steinbruch so schwer arbeiten mussten, dass die wirklich total schnell gestorben sind."

1285 Häftlinge kamen im Konzentrationslager Wewelsburg um. Aber alle Insassen machten Höllenqualen durch. Was sie darüber berichteten, ist in Auszügen an den Wänden des Museums zu lesen:

"Mit vier Mann ein Handtuch, das für das Gesicht und die Füße war, das war furchtbar. Und dann der Gestank, so und so viele Männer in einem Raum, ein jeder riecht anders aus dem Hals. Was das für ein Gestank war, ein Affenstall war nichts dagegen", erinnerte sich Friedrich Klingenberg.

Und Gerhard Claus: "Wir standen manchmal die Nacht auf dem Appellplatz, bei 20, 22 Grad Kälte, nichts drunter, nur diese Klamotten. Der Wind pfeift da durch. Das war wie eine Schafherde. Jeder wollte in die Mitte rein."

Häftlingskleidung
Häftlingsbericht
Gedenkstein

Von Joachim Escher stammen diese Zeilen: "Einmal war ein Häftling bei sehr starkem Nebel geflohen. Vier, fünf oder sechs Monate war der weg, bis er wieder kam … Im Lager musste alles antreten im Karree und er musste das abschreiten mit einer Pauke, einer Trommel: 'Ich bin froh, dass ich wieder da bin und so weiter. Dann kriegte er gleich den Fluchtpunkt auf den Rücken und dann hat er nicht mehr lange gelebt."

Die Ausstellung erschüttert, macht nachdenklich. Auch viele Schulklassen kommen hierher, und die Jugendlichen finden diese Art von Geschichtsunterricht gar nicht langweilig:

[O-Töne Schüler:]
"Eigentlich ist es ganz interessant zu hören, was damals so passiert ist."
"Es ist sehr interessant, dass hier viel ausgestellt wird, dass man auch sieht, wie die Leute sozusagen angezogen wurden, in welchen Gruppierungen die farblich auch waren, und ich find's auch gut, dass hier so'n Modell von dem Arbeitslager auch gezeigt wird."
"Das ist eigentlich ganz interessant."
- Was hast du denn hier erfahren über die Zeit, was du vorher noch nicht wusstest?
"Da vorne bei dem Konzentrationslager, wie das aufgebaut war und so und wie die behandelt wurden, in welche Kategorien, das finde ich eigentlich sehr interessant."

Ein Modell in der Ausstellung gibt einen Überblick über die gesamte KZ-Anlage. Vom Lager selbst ist heute nur noch ein einziges Gebäude erhalten. Ein Gedenkstein auf dem ehemaligen Gelände aber mahnt an die schrecklichste Episode in der Geschichte von Wewelsburg.

 

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Hinweis:

*) Foto mit freundlicher Genehmigung des Kreismuseums Wewelsburg

 

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DIE WEWELSBURG
- mehr als nur zwölf Jahre Nazi-Vergangenheit

Zwölf Jahre lang, von 1933 bis 1945, trieb die SS ihr Unwesen auf der Wewelsburg. Aber man würde der nach eigenen Angaben einzigen Dreiecksburg Deutschlands (was wohl Auslegungssache und deshalb umstritten ist) nicht gerecht, wenn man ihre reichhaltige Geschichte nur auf dieses düstere Kapitel reduzieren würde.
Tatsächlich hat sie wohl mindestens tausend Jahre vor dem "Tausendjährigen Reich" bestanden. In den Annalen des Abtes Arnold aus dem Kloster Berge bei Magdeburg heißt es, dass Graf Friedrich von Arnsberg ein Jahr vor seinem Tod 1124 die Wewelsburg, die schon zur Zeit der Hunnen bestanden habe und danach arg vernachlässigt worden sei, wieder aufgebaut habe. Doch "kaum war er tot, rissen die Bauern, die er zu den Bauarbeiten gezwungen hatte, das Bauwerk wieder ein".
Das mit den Hunnen ist vielleicht nicht ganz ernst zu nehmen, aber es scheint doch nahezulegen, dass die Burg deutlich älteren Ursprungs ist. Von den Arnsbergern jedenfalls kam sie durch Erbschaft in den Besitz des Grafen Otto I. von Waldeck, der sie 1301 an den Bischof von Paderborn verkaufte. In den folgenden Jahrhunderten wurde sie von den Fürstbischöfen an verschiedene Lehnsherren vergeben.
Ihre charakteristische heutige Form erhielt die Wewelsburg bei einem radikalen Umbau in den Jahren 1603 bis 1609.

[zum Anhören klicken: O-Ton Kirsten John-Stucke, Radio SWR4 RP, 02.06.2019]

"Die Wewelsburg ist in dieser Renaissance-Form als dreieckige Schlossanlage im 17. Jahrhundert erbaut worden von Dietrich [IV.] von Fürstenberg, dem Fürstbischof von Paderborn, und er hat die auf einer mittelalterlichen Vorgängeranlage erbauen lassen, und wichtig ist eben, dass die hier auf diesem Bergsporn errichtet wurde. Da konnte er schon zwei Seiten wunderbar verteidigen, und zur dritten Seite hin, da gab's verschiedene Wallanlagen, sodass das dann relativ abgesichert wurde. Allerdings ist sie dann doch im 30-jährigen Krieg erobert worden und auch schwer zerstört worden. Man hat sie dann wieder aufgebaut, und bis ins 19. Jahrhundert, solange wie das Fürstbistum bestand, ist sie immer die Nebenresidenz, ein Jagdschloss, für den Fürstbischof gewesen."

Im Zuge der Säkularisierung und der damit verbundenen Auflösung des Fürstbistums Paderborn am Anfang des 19. Jahrhunderts kam die Wewelsburg in den Besitz des Königreichs Preußen. Der Zustand der Anlage war damals schon schlecht. Noch schlimmer wurde es 1815, als ein Blitz den Nordturm in Brand setzte und eine hohle, ausgebrannte Ruine hinterließ.
In den 1920er Jahren, zu Zeiten der Weimarer Republik, richtete der Kreis Büren auf der Burg ein Heimatmuseum und eine Jugendherberge ein. Es gab auch Pläne zum Wiederaufbau des Nordturms. Allein es fehlte am nötigen Geld. Deshalb kam das Interesse von Heinrich Himmler an der Burg sehr gelegen. Wie es dann während der Naziherrschaft weiterging, ist oben ausführlich beschrieben. Nicht erwähnt wurde allerdings, dass Himmler am 31. März 1945 befahl die Burg zu sprengen.
Nach dem Krieg machte man sich unverzüglich an den Wiederaufbau. Es sollte wieder eine Jugendherberge entstehen und dazu eine "politische Schulungsstätte in echt demokratischem Sinne". Auch wenn noch viele Jahre vergingen: Heute präsentiert sich die Wewelsburg wie in besten Zeiten. Neben der Jugendherberge ist dort das Historische Museum des Hochstifts Paderborn untergebracht und seit 2010 die Erinnerungs- und Gedenkstätte mit der oben beschriebenen Ausstellung "Ideologie und Terror der SS".

 

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