Oberlausitz 3

MAN SPRICHT SORBISCH
- Bautzen: Zentrum der slawischen Minderheit

Geographisches Zentrum der Oberlausitz ist die Stadt Bautzen an der Spree. In den Zeiten des "Arbeiter- und Bauernstaates" erlangte sie traurige Berühmtheit durch den so genannten Stasi-Knast für politische Häftlinge. Aber das ist zum Glück Vergangenheit. Inzwischen hat Bautzen sein Image kräftig aufpoliert. Die historische Altstadt wurde ähnlich wie in Görlitz mit viel Aufwand und viel Liebe restauriert. Das Ergebnis ist absolut sehenswert! Davon kann sich jeder Besucher bei einem Stadtbummel überzeugen. Aber Bautzen hat nicht nur faszinierende Architektur zu bieten, sondern mindestens ebenso faszinierende Kultur. Denn hier ist auch das Zentrum der Sorben. Diese slawische Minderheit lebt seit dem frühen Mittelalter in der Lausitz. Bis heute hat sie ihre kulturelle Eigenständigkeit bewahrt – und dazu zählt vor allem die eigene Sprache. In Bautzen (sorbisch: Budysin) begegnet man ihr auf Schritt und Tritt. Die Schilder sind zweisprachig, es gibt einen sorbischen Kindergarten, sorbische Schulen, ein sorbisches Theater. Und nicht zu vergessen: sorbische Restaurants. Den besten Überblick über Geschichte und Kultur der Sorben bietet das Sorbische Museum. Dort spricht man Sorbisch, aber – keine Sorge – natürlich auch deutsch.

Reportage (Radio hr4, 16.09.2006; hr-iNFO, 03.10.2006; rbb-INFOradio, 03.02.2007):

[zum Anhören klicken: komplette Reportage]

[Atmo: Kinderchor]
"Hory modre, ja was znaju"

Schüler der sorbischen Grundschule besingen ihre Heimat, die Lausitz. Bei einer Projektwoche im Sorbischen Museum von Bautzen tauchen auch sie noch tiefer in die Kultur ihres Volkes ein. Etwa 60.000 Menschen bekennen sich zu ihrer sorbischen Herkunft – davon zwei Drittel in der Ober- und ein Drittel in der Niederlausitz, wo sie auch Wenden genannt werden. Ihre Vorfahren haben Jahrhunderte lang der deutschen Übermacht widerstanden. Wie Asterix und Obelix den Römern. Ganz wichtig für die Wahrung ihrer Identität war eine frühe Übersetzung der Bibel.

[O-Ton Museumsdirektor Tomasz Nawka:]
"Das war sozusagen eine Sternstunde, dass schon im 16. Jahrhundert die Sprache fixiert wurde und darauf aufbauend dann weitere Entwicklungen möglich waren – gerade dann auch die Literatur, die sehr wichtig ist, und dann auch verschiedene Grammatiken, Wörterbücher. Das zieht sich ja bis heute."

Und Tomasz Nawka, der Museumsdirektor, zeigt eine Fülle von Büchern von sorbischen Autoren – die Bibel ebenso wie echte Klassiker und zeitgenössische Werke. Aber nicht nur durch die Sprache leben die Sorben ihre Kultur. Auch durch Musik und Tanz. Und dabei spielte bis ins 19. Jahrhundert der Dudelsack eine wichtige Rolle.

[Atmo: Dudelsack-Klänge]

Schulkinder im Sorbischen Museum
Traditionelle sorbische Musik
Museumsdirektor Tomasz Nawka

[O-Ton Tomasz Nawka:]
"Erst als die Säle größer wurden und Menschen wollten moderne Tänze tanzen, dann wurde der Dudelsack verdrängt. Es gibt aber Regionen, wo der Dudelsack bis in die Achtziger Jahre noch sehr bekannt war und als Volksmusikinstrument gespielt wurde, und heute ist er mehr ein Bühneninstrument."

Die auffälligsten Museumsstücke sind die vielen bunten Trachten, wie sie früher besonders an Festtagen getragen wurden. Dabei unterschieden sich die Oberlausitzer von den Niederlausitzer Sorben, die evangelischen von den katholischen. In kleineren Dörfern sind sie vereinzelt auch heute noch zu sehen.

[O-Ton Tomasz Nawka:]
"Man spricht so von 200, 250 älteren Frauen, die die Tracht noch tragen – täglich, als tägliche Tracht, aber auch sonntags, wenn sie zum Gottesdienst gehen, wird die Tracht getragen."

Dennoch beobachtet auch Tomasz Nawka mit Sorge, wie sich die sorbischen Traditionen allmählich verlieren. Niemand weiß, wie lange "Sorberix und Wendelix" sich der Übermacht der Germanen noch erwehren können. Aber Hoffnung scheint es zu geben. In Bautzen – respektive Budysin – genießen die sorbischen Schulen einen so guten Ruf, dass sogar deutsche Eltern ihre Kinder dorthin schicken. Und so werden Sprache und Kultur der Sorben noch ein Weilchen lebendig bleiben.

[Atmo Kinderchor: "Hdyz sloncko lubje hreje"]

 

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