Oberlausitz 2

ORA ET LABORA
- Ostritz: internationale Begegnungen im Barock-Kloster

Die Oberlausitz liegt im Dreiländereck Deutschland-Polen-Tschechien. Räumlich waren die drei Länder schon immer dicht beisammen, aber emotional waren – und sind sie teilweise noch immer – weit voneinander entfernt. Damit sich das ändert, haben die Ordensschwestern des Klosters St. Marienthal in Ostritz an der Neiße Anfang der 1990er Jahre ein Internationales Begegnungszentrum gegründet. Dort treffen sich seither Deutsche, Polen und Tschechen zu Seminaren über Politik, Kultur, Ökologie und Religion. Das barocke Ambiente des wunderbar restaurierten Klosters lockt aber auch immer mehr Tages- und Übernachtungsgäste an, die sich einfach nur erholen oder von der ganz besonderen Atmosphäre inspirieren lassen wollen.

Reportage (Radio hr4, 16.09.2006; hr-iNFO, 03.10.2006; rbb-INFOradio, 03.02.2007):

[zum Anhören klicken: komplette Reportage]

[Atmo: Glockenläuten der Klosterkirche St. Marienthal]

Weithin schallen die Glocken der Klosterkirche, wenn die Nonnen von St. Marienthal ihre Heilige Messe feiern. "Ora et labora" lautet das Motto der Zisterzienserinnen – bete und arbeite. Gebetet wird mehrmals am Tag, erläutert Schwester Hildegard, die Priorin, gearbeitet in einem nahen Behindertenheim oder in der Krankenpflege. Früher haben sie Landwirtschaft betrieben und sich komplett selbst versorgt.

[O-Ton Schwester Hildegard:]
"Wir hatten sehr viele landwirtschaftlich genutzte Räume, die nach der Wende leer standen. Die sind denkmalgeschützt – also, wir wären alle in die Hölle gekommen, wenn wir die hätten vergammeln lassen. Und da musste uns ganz einfach etwas einfallen."

Sie gaben einen Teil ihrer klösterlichen Ruhe auf und gründeten das Internationale Begegnungszentrum. Fortan bestimmten Baumaschinen, Maurer und Restauratoren das Bild auf dem Klosterhof. Stück für Stück wurden die maroden Nebengebäude um- und ausgebaut, bis etwas völlig Neues entstanden war.

Schwester Hildegard
Frühstück im ehem. Kuhstall
Seminar im IBZ

[O-Ton Dr. Michael Schlitt:]
"Dort, wo früher ein Kuhstall war, ist heute ein Speisesaal, eine große Küche. Dort, wo früher die Getreidemühle war, ist ein Gästehaus mit einer kleinen Ausstellung. In anderen Gebäuden sind Gästezimmer, da sind weitere Ausstellungen drin und eine ganze Vielzahl von Seminar- und Tagungsräumen."

Dr. Michael Schlitt ist Direktor des Internationalen Begegnungszentrums. Mit Freude beobachtet er, wie das einst zarte Pflänzchen inzwischen zu einem stattlichen Baum herangewachsen ist. Die Seminare zu Themen wie Politik, Umwelt und Religion sind gut besucht. Viele der Teilnehmer, gleich ob Jugendliche oder Erwachsene, ob Tschechen, Polen oder Deutsche, sie kommen immer wieder nach Marienthal, denn sie fühlen sich wohl in dieser internationalen Gemeinschaft.

[O-Ton deutsche Seminar-Teilnehmerin:]
"Ich versteh' mich gut mit Leuten von Polen und von Tschechien. Schon vier Jahre treff' ich die selben Leute, wir sind sehr befreundet."

[O-Töne polnische und tschechiche Teilnehmerinnen:]
"Wir freuen uns besonders, dass es keine Barrieren gibt", sagt diese Polin. "Vor zehn Jahren konnte man noch Barrieren feststellen, Vorurteile und so weiter. Aber das ist inzwischen total abgebaut worden. Wir sind einfach Freunde untereinander."
"Wir stellen fest, dass die Lebenslage der älteren Generation sowohl in Deutschland, Polen als auch in Tschechien ganz ähnlich ist",
meint diese Tschechin. "Deswegen wahrscheinlich verstehen wir uns so gut."

Klosterschenke
Klosterkirche
Radfahrer vor dem Klostermarkt

"Ora et labora" – das kann hier jeder so wörtlich nehmen, wie er will. Die herrliche Klosteranlage aus der Zeit des Barock und die idyllische Lage direkt am Neiße-Ufer, sie ziehen auch immer mehr Ausflügler und Urlauber an. Bei ihnen steht statt der Bildung die Erholung im Vordergrund. Ihre fromme Einkehr konzentriert sich mehr auf die Klosterschenke als auf die Klosterkirche. Auch für diese Gäste haben Marienthal und Umgebung einiges zu bieten.

[O-Ton Dr. Michael Schlitt:]
"Das beginnt mit dem Fahrradfahren entlang des Neiße-Radwanderweges, aber auch durch den 890 Hektar großen Klosterwald gibt es wunderbare Spazierwege. Man kann hier einen Garten der Bibelpflanzen besichtigen, mehrere Ausstellungen, man kann das historische Sägewerk, das voll funktionstüchtig ist, besichtigen. Man kann hier in die in der Nähe gelegenen Städte Görlitz, Zittau, Herrnhut und Löbau Ausflüge machen. Und man kann natürlich auch in das nahe gelegene Polen und Tschechien reisen."

Drum herrscht immer viel Trubel rund um das Kloster. Manchmal mehr, als den Ordensschwestern lieb ist. Aber mit der Gründung des Begegnungszentrums haben sie selbst den Stein ins Rollen gebracht. Und sie werden sich mit dem Gedanken trösten, dass der liebe Gott von oben zuschaut, und dass ihm sicher gefällt, was er da sieht.

[Atmo: Glockenläuten der Klosterkirche St. Marienthal]

 

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Hinweis:

Kloster St. Marienthal und das Internationale Begegnungszentrum sind beim Neiße-Hochwasser im August 2010 schwer beschädigt worden. Die Schadenssumme liegt bei ca. 3,5 Mio. Euro. Die Flutwelle zerstörte auf einen Schlag die Aufbauarbeit von zwei Jahrzehnten. Deshalb wird dringend um Spenden gebeten.

Wenn Sie den Wiederaufbau unterstützen wollen, finden Sie ein Spendenkonto unter: www.ibz-marienthal.de  

 

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Hier geht's zu den Sorben nach Bautzen und zur Reportage Oberlausitz 3.