New York City 2


WELCOME, STRANGER
- mit dem "Big Apple Greeter" durch die Bronx

Eine Rundfahrt mit der Stretch-Limo ist die Luxusvariante, wenn man New York erkunden will. Nicht zuletzt wegen des Preises. Es geht aber auch anders, nämlich ganz umsonst: mit einem so genannten "Big Apple Greeter". Diese freundlichen Zeitgenossen gehören einer Organisation von Freiwilligen an, die Besuchern gerne ihren Stadtteil zeigen möchten und deshalb ab und zu den Fremdenführer spielen, aus reinem Spaß an der Freude. Die "Big Apple Greeters" wollen und sollen das Image des Molochs New York verbessern. Dabei scheuen sie keine Mühen, holen ihre Gäste sogar im Hotel ab. Mehr als 300 solcher "Begrüßer" sind im "Großen Apfel" unterwegs und begleiten Touristen in 22 verschiedenen Sprachen, darunter auch in Deutsch.

Reportage (Radio hr4, 22.07.2006):

[Musik: "Willkommen, bienvenu, welcome" aus dem Musical "Cabaret"]

Willkommen in New York. Unser "Big Apple Greeter" heißt Ed Botwin, ist schon 78 Jahre alt, doch erstaunlich vital. In seiner Jugend hat er Deutsch studiert, spricht aber auch Spanisch, Französisch und sogar Norwegisch. Ein bis zweimal im Monat macht er den Fremdenführer.

[zum Anhören klicken: O-Ton "Big Apple Greeter" Ed Botwin]

"Ich habe sehr, sehr gern New York zu zeigen. Ich bin hier geboren, ich bin ganz stolz von meine Stadt. Es ist immer gut, ein bisschen Deutsch zu sprechen mit gemütliche Leute."

Ed wohnt in Manhattan, aber seine Kindheit hat er in der Bronx verbracht. Und dahin will er uns heute begleiten. Schon unterwegs, in der U-Bahn, versucht er den ramponierten Ruf dieses New Yorker Stadtteils zu retten.

[O-Ton Ed Botwin:]
"Die Touristen immer denken, es ist sehr sehr gefahrlich. Es gibt Kriminelle in jedem Gebiet, auch in Deutschland. Wir haben auch Kriminalität hier, aber ist nicht so wie seit zwanzig Jahr', wo es gibt viele andere Sach'. Jetzt ist es ziemlich gut."

"Big Apple Greeter Ed Botwin]
Puertoricaner zeigen Flagge
Ed vor seinem Elternhaus

Am "Grand Concourse", der Hauptstraße der Bronx, verlassen wir die U-Bahn und machen uns auf zu einem gut fünf Kilometer langen Rundgang. Auch hier ist von brennenden Mülltonnen keine Spur. Es geht ruhig zu auf den Straßen, fast schon beschaulich. Kein Vergleich zu der hektischen Betriebsamkeit in Manhattan. In der Gegend, wo unser "Big Apple Greeter" aufgewachsen ist, leben heute überwiegend Puertoricaner und andere so genannte "hispanics". Aber Eds Elternhaus ist noch da. Und er freut sich es wiederzusehen.

[O-Ton Ed Botwin:]
"Mein Haus ist ziemlich gut, die Nachbar' ist auch ziemlich gut. Die einzige Sach' – meine Vater hatte ein schönes Garten und das ist nicht mehr hier. Das macht mich sehr trist." (lacht)

Das Haus steht unmittelbar am Claremont Park, einer von zahlreichen Grünflächen in der Bronx. Hier spielen Jugendliche Basketball, Spaziergänger ruhen sich auf Bänken aus. Eine freundliche Atmosphäre, wie wir sie in der verrufenen Gegend nicht erwartet hätten. Überhaupt sei die Bronx der Stadtteil mit dem meisten Grün, sagt Ed. Allein der Pelham Bay Park habe eine größere Fläche als der Central Park in Manhattan.

[O-Ton Ed Botwin:]
"Im Pelham Bay Park man sieht gar nichts mehr als Bäume und Wasser. Es gibt auch ein schönes Strand – Orchard Beach. Das ist ein Strand, wo man kann schwimmen gehen und alles. Das ist auch schön."

Selbst Amerikas meistbesuchter Zoo ist in der Bronx. Und die Überraschungen nehmen kein Ende. In der Nähe des Baseball-Stadions der "New York Yankees" macht uns Ed auf ein imposantes Denkmal aufmerksam. Es erinnert an den deutschen Dichter Heinrich Heine und – stellt die Lorelei dar.

Claremont Park
Pelham Bay Park
Lorelei-Denkmal

[O-Ton Ed Botwin:]
"Früher waren sehr viele deutsche Familien hier, seit mehr als einem Jahrhundert, und sie sind jetzt eine kleine Gruppe, aber die Denkmal ist vor ungefähr 60 Jahre hier gemacht."

Heute gehen täglich Hunderte von Menschen an der Lorelei vorüber, aber kaum einer weiß, was es mit ihr auf sich hat. Höchstens der Name kommt einigen bekannt vor.

[zum Anhören klicken: O-Töne Passanten, englisch]

"Lorelei? The name sounds familiar but I can't place exactly who she is. But I've heard the name."
"No, I haven't heard about Lorelei. Who is she?"

Also spielen wir Kulturattaché und klären die Leute auf, bevor wir wieder in die U-Bahn nach Manhattan steigen. Ed Botwin, unser "Big Apple Greeter", akzeptiert nicht mal ein Trinkgeld für seine Dienste. Ihm scheint die Führung mindestens ebenso viel Spaß gemacht zu haben wie uns. Und zum Abschied wünscht er uns noch viele schöne Tage in seiner Heimatstadt New York

[Musik: "...glücklich zu sehen, je suis enchanté, happy to see you. Bleibe, reste, stay."]

 

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Hier geht's zur Staten-Island-Fähre und der Reportage New York City 3.