Kampanien 1


RUHIG UND BESCHAULICH
- ein Rundgang durch Salerno

Mit rund 130.000 Einwohnern ist Salerno die zweitgrößte Stadt Kampaniens. Deutlich kleiner als Neapel mit fast einer Million Einwohner, aber dafür auch deutlich ruhiger und beschaulicher. Wenn man die Salernitaner fragt, was sie an ihrer Stadt lieben, dann heben sie gerade diese Ruhe und Beschaulichkeit der vielen Gärten und Parks hervor. Dazu den "Lungomare", die Uferpromenade, wo man sich den salzigen Geruch des Tyrrhenischen Meers um die Nase wehen lassen kann, und natürlich den "Centro storico", die Altstadt mit ihren schmalen Gassen, von denen jede eine ganz individuelle Schönheit ausstrahlt.

Reportage (Radio SWR4 RP, 07.07.2019):

[Atmo: Altstadt]

Betriebsam, aber nicht hektisch, geht es zu in den Gassen von Salerno. Gesäumt sind sie von kleinen Geschäften, Cafés und Pizzerien. Dazwischen Kirchen, Klöster und Palazzi. Den ersten Halt bei unserem Rundgang machen wir auf der Piazza Sedile del Campo, wo ein kleiner Brunnen fröhlich vor sich hin sprudelt.

[Atmo: Fischbrunnen]

Er wurde von einem bedeutenden Architekten entworfen, erzählt unser Stadtführer Renato Menchini:

[O-Ton Renato Menchini 1:]
"Noi Salernitani chiamamo ...
Wir Salernitaner nennen ihn den Fischbrunnen, wegen der Figuren. Der Architekt, Luigi Vanvitelli, ist sehr berühmt, weil er auch den Königspalast in Caserta gebaut hat. Das ist einer der größten Königspaläste der Welt, mit riesigen Gärten drum herum. Den sollten Sie sich unbedingt anschauen, wenn Sie die Möglichkeit haben.
... se avete la possibilità."

Fischbrunnen
San Pietro a Corte
Blick durch den Dom San Matteo

Nach diesem kleinen gedanklichen Ausflug in den Norden von Kampanien machen wir Station an der Kirche San Pietro a Corte, der ehemaligen Privatkapelle eines Langobardenfürsten. Unter ihr finden sich noch Reste einer Therme mit Fresken im byzantinischen Stil.

[zum Anhören klicken: Atmo Heilige Messe im Dom]

Unweit der Kapelle erhebt sich der romanische Dom San Matteo. Er ist berühmt vor allem für seine prachtvoll ausgestattete Krypta mit den Gebeinen des Apostels Matthäus.

[zum Anhören klicken: O-Ton Renato Menchini]

"La cripta architettonicamente ...
Die Krypta ist im 17. Jahrhundert komplett umgebaut worden im Stil des Barocks. Nur die Säulen sind im Originalzustand. Alles andere wurde komplett umgestaltet mit diesem wunderschönen vielfarbigen Marmor. Die Deckenmalereien stammen von Belisario Corenzio, einem Künstler aus Salerno, sie zeigen Szenen aus dem Leben Christi.
... della vita di Cristo."

Renato Menchini in der Krypta
Giardino della Minerva
Blick über die Dächer von Salerno

Unser Rundgang endet im Giardino della Minerva am oberen Ende der Stadt. Der Garten soll an die frühmittelalterliche Medizinschule von Salerno erinnern, wo eine Kombination aus morgenländischer und abendländischer Heilkunst gelehrt wurde. Unter Orangenbäumen findet man Beete mit Kräutern aller Art. Ein idealer Ort zum Ausruhen und Genießen.

[O-Töne Besucher:]
"Im Augenblick empfinde ich das schon mal generell als Oase der Ruhe. Also, das ist 'ne ganz besondere Atmosphäre."
"Mich fasziniert, dass aus der Familie, die den Garten früher gepflegt haben, einer Arzt war und die Pflanzen studiert hat und für die Heilungszwecke angewandt hat. Das fasziniert mich, dass diese Pflanzen heilen und gut duften und, ja, Leben spenden."

Nicht zuletzt hat man von hier oben eine der schönsten Aussichten – auf die Dächer von Salerno und auf das Meer.

[Atmo: Meeresrauschen]

 

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IM GEISTE DES HIPPOKRATES
- die "Medicusse" von Salerno

Ja, ich weiß, der Plural von Medicus ist natürlich nicht Medicusse, sondern Medici. Aber ich wollte den Eindruck vermeiden, der Artikel befasse sich mit der florentinischen Kaufmannsfamilie De'Medici aus der Renaissance-Zeit. Tatsächlich geht es nämlich um die Ärzte der oben erwähnten Medizinschule von Salerno, die im 9. oder 10. Jahrhundert entstand. Manche sagen, es sei die erste Universität der Welt gewesen (auch wenn sie sich selbst nie als Universität bezeichnete).
Der Legende nach waren die Gründerväter der Scuola medica salernitana vier Ärzte aus vier unterschiedlichen Kulturen: ein Jude namens Helinos, ein Grieche namens Pontus, ein Araber mit Namen Adela und der Latiner Salernus. Sie trafen sich, als sie während eines Unwetters Schutz unter einem Aquädukt suchten. Salernus war verletzt, und sie kümmerten sich gemeinsam um seine Wunde. Dabei sollen sie übereingekommen sein eine Schule zu gründen und ihr Wissen weiterzuverbreiten.
Nach heutigem Stand der Geschichtsforschung aber geht die Gründung in Wahrheit auf Benediktiner des Klosters Montecassino zurück, die in Salerno kranke Ordensbrüder und Kreuzfahrer pflegten. Die Lehrer an der Medizinschule beriefen sich auf Schriften antiker Ärzte wie Hippokrates von Kos, auch "Vater der Medizinwissenschaft" genannt. Im 11. Jahrhundert erhielt Salerno sogar den Beinamen civitas hippocratica. Durch den Kontakt mit Ländern im Orient gewannen aber auch die weit fortgeschrittenen Kenntnisse und Erkenntnisse aus dieser Region starken Einfluss auf die Lehre. Nicht nur deshalb war die Scuola medica salernitana in vielerlei Hinsicht ihrer Zeit voraus.

So wurde sie nicht, wie damals üblich, von Geistlichen, sondern von Laien geführt. Die Religionszugehörigkeit spielte ebenso wenig eine Rolle wie das Geschlecht. Auch Juden, Araber und sogar (jawohl!) Frauen durften Lehrer oder Schüler sein. Gegen den Willen der Kirche wurden an der Medizinschule anatomische Studien betrieben und chirurgische Eingriffe vorgenommen. Weiterhin verfassten Ärzte Bücher über Arzneimittelkunde und trugen damit zur Eigenständigkeit des Apothekerwesens bei. Auch die medizinische Fachsprache wurde durch Schriften aus Salerno stark beeinflusst. Im Laufe der Zeit erweiterte die Schule ihr Studienangebot um Philosophie, Theologie und Recht und wurde damit einer "echten" Universität immer ähnlicher.
Auch die damalige Obrigkeit erkannte die wissenschaftliche Bedeutung der Schule. So erließ der staufische Kaiser Friedrich II. im 12. Jahrhundert eine Studienordnung für die angehenden Mediziner, die neben der Theorie ein Praktikum bei einem Arzt vorschrieb. Allerdings leitete er auch den Niedergang der Scuola medica salernitana ein, indem er eine zweite Medizinschule in Neapel gründete. Die wurde im Laufe der Zeit zunehmend bedeutender und lief Salerno allmählich den Rang ab. Anfang des 19. Jahrhunderts schließlich besiegelte Joachim Murat, der von Napoleon eingesetzte König von Neapel, das Schicksal der salernitanischen Schule, indem er nur noch der Universität Neapel zugestand, Diplome im Fach Medizin zu erteilen.
Dieser Erlass hatte Geltung bis in die jüngere Vergangenheit. An der 1968 gegründeten Universität Salerno konnte man deshalb zunächst kein Medizinstudium absolvieren. Das ist erst seit 2005 möglich. In ihrem Siegel nimmt die Uni nun wieder ausdrücklich Bezug auf die alte civitas hippocratica und erinnert damit ganz bewusst an die mittelalterliche Tradition der "Medicusse" von Salerno.

 

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