Island 2


"DIE SCHÖNSTEN ISLÄNDISCHEN SAGAS"
- von Helden und Schurken im Mittelalter

Erzählkunst hat in Island eine lange Tradition. Schon im 13. Jahrhundert verfasste der Skalde Snorri Sturluson seine Edda eine Art Lehrbuch für junge Dichter, in dem er die Welt der nordischen Götter wiederauferstehen ließ.
Etwa zur selben Zeit wurden die mündlich überlieferten Sagas von unbekannten Autoren aufgeschrieben. Sie handelten nicht von Göttern, sondern von Menschen: Nachfahren der Wikinger aus Norwegen, die das unbewohnte Island zwischen 870 und 930 besiedelt hatten. Es waren meist Bauern, und sie lebten auf weit über die Insel verstreuten Höfen. Zwischen ihren Familien kam es immer wieder zu Konflikten, die entweder friedlich auf dem Thing gelöst wurden oder kriegerisch mit dem Schwert. Unter diesen Pionieren gab es Helden und Schurken.
Zum Island-Jahr 2011 auf der Frankfurter Buchmesse sind "Die schönsten isländischen Sagas" als Taschenbuch in deutscher Sprache neu erschienen. Ausgewählt hat sie Arthúr Björgvin Bollason, der ehemalige Leiter des Saga-Zentrums im südisländischen Hvolsvöllur. Er lebt in Deutschland und hat auch an dem Hörbuch "Die Saga-Aufnahmen" entscheidend mitgewirkt. Im Mittelpunkt beider Neuerscheinungen steht die Njáls-Saga. Von den rund 40 mittelalterlichen Erzählungen ist sie die längste und populärste.

Reportage (Radio hr4:)

[zum Anhören klicken: komplette Reportage]

[Hörbuch-Auszug "Die Saga-Aufnahmen":]
"Die Njáls-Saga beginnt mit den einfachen Worten: Mörður hét maður er kallaður var gígja. Hann bjó á Velli á Rangárvöllum. Das bedeutet: Mörður hieß ein Mann. Man nannte ihn gígja oder Geige. Er wohnte auf dem Hof Velli in Rangáurvöllum."

Mörður, erläutert Arthúr Bollason auf einer Zusatz-CD zum Hörbuch, ist nur eine von rund 600 Figuren in der Njáls-Saga. Die meisten spielen aber keine tragende Rolle. Ganz anders als Gunnar der kampferprobte und doch gutmütige Held der Saga. Sein Hof Hlíðarendi im Süden Islands lag am Fuße des Vulkans, der in jüngster Zeit mehrfach Asche gespuckt hat und von einem Eispanzer umhüllt ist.

[O-Ton Arthúr Björgvin Bollason:]
"Der Blick, den man von da oben hat, auf den überragenden Gletscher Eyjafjallajökull, den Inselbergegletscher, der einer der kleineren, aber einer der schönsten Gletscher unseres Landes ist, und bis zur Küste hin, das ist ein unvergesslicher Blick, und manche sagen, es gibt keinen Hof in Island, von dem der Blick so schön ist wie Hlíðarendi."

Saga-Sammler Arthúr Björgvin Bollason
Thing-Ebene im "Goldenen Zirkel"
Hof von Njál im Bergthorshval

Alljährlich reitet Gunnar von seinem Hof zum Gerichtstag auf der Thing-Ebene. Dort erblickt er eines Tages die schöne, aber als charakterlos geltende, Hallgerd und hält um ihre Hand an. Auf dem Heimweg besucht er seinen väterlichen Freund Njál und erzählt ihm von der anstehenden Hochzeit.

[Buchauszug "Die schönsten isländischen Sagas":]

"Njál nahm das sichtlich bedrückt auf. Gunnar fragte, aus welchem Grunde er das für so wenig ratsam halte.
'Von ihr wird einzig und allein Unheil ausgehen', antwortete Njál.
'Unsere Freundschaft wird sie nie zerstören', sagte Gunnar.
'Viel wird nicht daran fehlen', erwiderte Njál, 'du wirst jedoch stets für das von ihr heraufbeschworene Unheil Buße zahlen.'"

Der weise Njál soll leider Recht behalten. Die zänkische und rachsüchtige Hallgerd stellt die Freundschaft der beiden Männer immer wieder auf eine harte Probe. Am Ende fällt Njál einer tödlichen Fehde, die sie angezettelt hat, zum Opfer. Wegen einer Ohrfeige, die Jahre zurückliegt, hat sie zuvor schon ihren wackeren Ehemann ans Messer geliefert, als das Haus von Feinden umstellt war:

[Buchauszug "Die schönsten isländischen Sagas":]
"Gunnar sagte zu Hallgerd: 'Gib mir zwei Strähnen deines Haares und dreht sie zusammen, du und meine Mutter, zu einer Bogensehne für mich.'
'Hängt für dich etwas davon ab?', fragte sie.
'Mein Leben hängt davon ab', erwiderte Gunnar, 'denn sie werden mich nie überwältigen, solange ich meinen Bogen gebrauchen kann.'
'Dann will ich dir jetzt jene Ohrfeige vergelten.'"

Hallgerd verrät Gunnar
Der weise Njál
Mordbrand auf dem Njáls-Hof

In Island kennt die Geschichte jedes Kind. Ob sie tatsächlich stattgefunden hat, weiß niemand, aber viele halten die Sagas für Geschichtsschreibung, sagt Arthúr Bollason, und da gibt es für sie kein Vertun.

[O-Ton Arthúr Björgvin Bollason:]
"Für jemanden, der in die Region reist und mit den Leuten hier redet, dass sei alles eine Lüge beziehungsweise alles Fiktion, kann die Situation ganz gefährlich werden. Es ist sogar in vergangenen Zeiten bei Landestänzen, wo der Alkohol auch mit im Spiel war, zu Schlägereien gekommen drüber, ob die Njáls-Saga wahr ist oder nicht."

Wahr oder nicht  vor allem, schreibt er im Vorwort des Taschenbuchs, sind die Sagas kunstreiche Erzählungen, die Jahrhunderte lang die dunklen Winterabende in Island erträglich machten. Und gute Geschichten werden immer und überall gerne gelesen oder gehört, nicht nur in schummrigen Bauernhäusern am Polarkreis.

 

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Hinweis:

*) Die Schreibweise von Eigennamen entspricht hier nicht immer der isländischen Rechtschreibung, sondern orientiert sich an der im Buch verwendeten eingedeutschten Variante.

 

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Angaben zum Buch:
 

Titel: "Die schönsten isländischen Sagas"

Auswahl: Arthúr Björgvin Bollason

Erschienen: Insel Verlag, Berlin 2011

Preis: € 8,95

Angaben zum Hörbuch:
 

Titel: "Die Saga-Aufnahmen"

Konzeption & Regie: Thomas Böhm / Klaus Sander

Erzähler: Arthúr Björgvin Bollason u.v.m.

Erschienen: Supposé Verlag, Berlin 2011

Preis: € 39,80

 

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