Island 3


"GEISTERFJORD"
- von unheimlichen Begegnungen am Ende der Welt

Krimis aus Skandinavien sind in Deutschland seit langem beliebt. Autoren aus Schweden, Norwegen und Dänemark haben den Boden bereitet, jetzt erobern auch die Isländer den deutschen Büchermarkt. Zu den erfolgreichsten Kriminalschriftstellern aus dem hohen Norden gehört Yrsa Sigurðardóttir. Sie ist Ingenieurin von Beruf, aber Mord ist ihr Hobby. Fünf Kriminalromane hat sie bereits geschrieben, in denen die kluge Rechtsanwältin Đóra Guðmundsdóttir komplizierte Fälle aufklärt. Yrsas sechster Krimi "Geisterfjord", rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse 2011 in Deutschland erschienen, ist anders als seine Vorgänger. Keine Đóra mehr, auch keine klassische Detektivgeschichte, sondern ein Thriller, fast schon ein Horror-Roman. Er verspricht Hochspannung bis zum Herzflattern und handelt von unheimlichen Begegnungen an der entlegensten Bucht der Westfjorde, quasi am Ende der Welt.

Reportage (Radio hr-iNFO, 10.10.2011; hr4, 15.10.2011):

[zum Anhören klicken: komplette Reportage]

Hesteyri ist ein von Gott und den Menschen verlassenes Nest. Die letzten ständigen Bewohner sind schon vor Jahren fortgezogen. Keine Straße führt hierher. Nur im Sommer hat ein Gästehaus mit Café geöffnet. Dann kommt täglich ein Boot und bringt ein paar Touristen her. Außerhalb der Saison ist es an der abgelegenen Bucht einsam, gespenstisch einsam. Ein idealer Schauplatz für Yrsa Sigurðardóttirs Horrorgeschichte.

[O-Ton Yrsa Sigurđardóttir:]
"I really didn’t choose, they chose me
Ich hab’ ihn nicht ausgewählt, er hat mich ausgewählt. Ich kam mit ein paar Freunden zum Wandern nach Hesteyri, und ich fand, es war einfach perfekt für die Geistergeschichte, die ich seit langem schreiben wollte. Es ist so still und abgeschieden. Es gibt keinen Strom und keinen Handyempfang. Hier sind die Figuren meiner Story völlig isoliert.
… isolating the characters completely."

In "Geisterfjord" heißen die Figuren Katrín, Garđar und Líf, ein junges Ehepaar und eine gemeinsame Freundin. Aus einer Laune heraus haben sie in Hesteyri ein altes Haus gekauft. Um es in Ruhe zu renovieren, lassen sie sich im Spätherbst mit einem Boot herüberbringen. Als es wieder wegfährt, sind die drei ganz allein im Dorf. Oder etwa doch nicht?

[Buchauszug "Geisterfjord":]
"Katrín ... wandte sich vom Meer ab, da sie nicht sehen wollte, wie das Boot aus ihrem Blickfeld verschwand, und schaute stattdessen zum Strand, ... als sie ... etwas vorbeihuschen sah. Ein pechschwarzer Schatten, noch dunkler als die dunkle Umgebung ... Es sah aus wie ein kleiner Mensch ...
'Was war das?'"

Geheimnisvolle Schatten, seltsame Stimmen, rätselhafte Fußspuren. Die drei möchten am liebsten gleich wieder zurück in die Zivilisation. Doch das Boot kommt erst in einer Woche wieder eine Woche, die zum Horrortrip wird, zum Horrortrip am Geisterfjord.
Umfragen zufolge glauben die meisten Isländer auch heute noch an Elfen, Trolle und andere Spukgestalten:

Hesteyri wird zum Horror-Trip
Krimi-Autorin Yrsa Sigurðardóttir
Geheimtipp für Wanderer

[zum Anhören klicken: O-Ton Yrsa Sigurðardóttir]

"I don't believe in them ...
Ich glaube nicht daran, aber ich finde es gut, dass man auch nicht das Gegenteil beweisen kann. Als ich ein Kind war, hat meine Großmutter mich davor gewarnt, in gewissen Gegenden mit Steinen zu werfen, weil es dort Elfen gebe. Das war über einen langen Zeitraum Teil unserer Kultur. Ich glaube nicht wirklich an sie, aber ich gebe ihnen, sagen wir, eine fünfprozentige Chance.
... I give it a five percent chance."

Trotzdem ist der Spuk in Yrsas "Geisterfjord" natürlich reine Fiktion. Die Autorin will niemandem Angst machen, nach Hesteyri zu fahren. Im Gegenteil. Sie würde jedem Islandreisenden empfehlen, den einsamen Ort zu besuchen:

[O-Ton Yrsa Sigurðardóttir:]
"Yes, absolutely. Not in the wintertime ...
Ja, absolut. Nicht im Winter. Da ist es sehr kalt und verschneit. Aber im Sommer ist es spektakulär. Besonders für Wanderer. Die können mit dem Boot herfahren, es gibt einen Weg nach Norden zu einer anderen Bucht, und das Boot holt sie dort wieder ab. Aber auch auf einer Tagestour gibt es viel zu sehen. Es ist wunderschön.
... it's a beautiful place."

Dennoch wird das nächste Buch von Yrsa in einer anderen Gegend Islands spielen. Wo genau, das verrät sie noch nicht. Nur soviel: Es soll keine neue Horrorgeschichte werden, sondern wieder ein klassischer Kriminalroman mit der Anwältin Đóra als Detektivin.

 

__________________________________________________

Angaben zum Buch:
 

Titel: "Geisterfjord"

Autorin: Yrsa Sigurðardóttir

Erschienen: Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt (Main) 2011

Preis: € 8,99

 

__________________________________________________

FRÜHER WINTERSCHLAF
- Islands kurze Reisesaison

Brjánslækur, Island, September 2011.
Seit gut zweieinhalb Stunden warten wir vor dem kleinen Café am südlichen Rand der Westfjorde. Hier (und nur hier) soll es Fahrscheine für die tägliche Fähre nach Stykkishólmur geben. Aber das Café öffnet erst um 17 Uhr. So steht es auf einem Zettel, der an der Tür hängt.
Endlich wird es fünf. Doch Pustekuchen! Nichts passiert. Um Viertel nach fünf ist immer noch keine Menschenseele zu sehen. Auch von der Fähre, die eigentlich um sechs wieder ablegen sollte, bisher keine Spur. Um 20 nach 5 rufe ich die Telefonnummer an, die ebenfalls auf dem Zettel steht. Ich lasse es mindestens zehnmal klingeln und will schon wieder auflegen, als am anderen Ende der Leitung doch noch jemand abnimmt. Was denn nun mit der Fähre und den Fahrscheinen ist, will ich wissen. Die Fähre fährt heute nicht, erfahre ich in kaum verständlichem Englisch. Und morgen? Morgen auch nicht. Wieso, will ich irritiert wissen. Laut Reiseführer fährt die Fähre täglich. Saison vorüber, lautet die Auskunft am Telefon. Da bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als den gesamten Breiðafjörður mit dem Auto zu umrunden. Ein Umweg von etwa 300 Kilometern!
Später erfahren wir, dass eine andere Fähre zu den Westmänner-Inseln im Süden Islands defekt war und deshalb die Fähre über den Breiðafjörður im Westen abgezogen wurde. So spät im Jahr würden sowieso kaum noch Leute mitfahren.
So spät im Jahr! Dabei haben wir gerade mal Anfang September. Aber in Island werden die Bürgersteige schon hochgeklappt. Die Insel am Polarkreis verfällt zusehends in einen frühen Winterschlaf.

 

Papageientaucher nur noch im Spielzeugladen

Die Fähre ist nicht unsere einzige leidvolle Erfahrung. Wo wir auch hinkommen, ist die Saison vorbei. In Drangsnes am Steingrímsfjörður wollen wir die Vogelinsel Grímsey besuchen. Dort soll es scharenweise Papageientaucher geben. Die putzigen Seevögel mit den bunten Schnäbeln sind quasi die Nationaltiere Islands. Aber um diese Jahreszeit längst weg, heißt es lapidar an der Rezeption unseres Motels (wo wir übrigens die einzigen Gäste sind). Anfang August ziehen die Papageientaucher weiter. Auch davon stand nichts im Reiseführer.
Immerhin bis Ende August ist das Freilichtmuseum Ósvör bei Bolungarvík geöffnet. Hier entstand die Idee zum Island-Roman "Himmel und Hölle". Nur schade, dass wir wieder mal ein paar Tage zu spät dran sind und den weiten Weg umsonst gemacht haben. Warnung im Reiseführer? Fehlanzeige!
In Ísafjörður erkundigen wir uns tags darauf nach dem Boot, das uns ins abgelegene Hesteyri bringen soll, zum Schauplatz des Island-Krimis "Geisterfjord". Kein Boot mehr, teilt uns der freundliche Herr in der Tourist Information mit, es verkehrt nur im Sommer. Wenigstens verspricht er mir ein paar Fotos zuzumailen, sozusagen als Trostpflaster. Und noch ein anderes Trostpflaster hat er für uns: Obwohl es schon so "spät" im Jahr ist, hat am Morgen ein Kreuzfahrtschiff im Hafen angelegt. Ein Bus bringt die Touristen gerade zum Freilichtmuseum. Es wird extra für sie nochmal kurz geöffnet. Wenn wir uns beeilen, können wir uns der Führung anschließen. Also, nichts wie los und zurück nach Bolungarvík! Diese einmalige Chance, dem frühen Winterschlaf ein Schnippchen zu schlagen, dürfen wir uns nicht entgehen lassen.
Ein Gutes immerhin hat die Nachsaison in Island: Manche Preise sind nicht mehr ganz so gesalzen wie in den Sommermonaten. Unser Hotel in Reykjavik kostet am Ende der Rundreise Anfang September etwa 20 Euro weniger als noch zu Beginn des Urlaubs Ende August.

Hotel wird billiger

 

__________________________________________________

Hier geht's zurück zum Start.