Friaul 1


AUTHENTISCHE DÖRFER
- vom Touristen zum Bürger auf Zeit

Friaul war immer eine arme Region. Vor allem in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg verließen die Bewohner zu Tausenden ihre Bergdörfer und suchten Arbeit in Mailand, Turin oder Rom. Ganze Landstriche drohten auszubluten und zu veröden. Um diese Entwicklung zu stoppen, haben sich jetzt mehrere Gemeinden zum Verband der borghi autentici, der authentischen Dörfer, zusammengeschlossen. Sie wollen den Tourismus fördern, indem sie neue Wege beschreiten. Kern ihrer Philosophie ist, dass die ganze Gemeinde zum Gastgeber wird. Statt neue Hotels zu bauen, renovieren sie leer stehende Häuser und wandeln sie in moderne Ferienwohnungen um. Bei diesen dezentralen alberghi diffusi gibt es in jeder Gemeinde nur eine zentrale Rezeption. Doch für besondere Fragen und Anliegen ist darüber hinaus der so genannte Dorfengel bereitwilliger Ansprechpartner. Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Bewohner gelten als oberstes Gebot, denn in den borghi autentici sollen sich Touristen als "Bürger auf Zeit" fühlen.

Reportage (Radio hr4, 28.02.2009; rbb-INFOradio, 02.05.2009):

[Friulanische Musik]

Friualanische Musik dringt aus dem Radio in der Ferienwohnung. Sie ist mit allem Komfort eingerichtet, trotzdem rustikal-gemütlich. Mehrere Schlafzimmer, zwei Bäder, dazu ein Wohnzimmer und natürlich eine Küche. Dennoch wird das Frühstück auf Wunsch in einem Korb frei Haus geliefert. Die Wohnung gehört zum albergo diffuso im Dorf Sutrio, nicht weit vom Plöckenpass hinüber nach Kärnten. Die Rezeption ist ein paar Straßen weiter in der Dorfmitte. Aber das macht den meisten Gästen nichts aus, meint die Empfangsdame Arianna Matiz:

[zum Anhören klicken: O-Ton Rezeptionistin Arianna Matiz]

"Allora, la ligna di massima ...
"Die meisten Gäste kommen ja mit dem Auto. Wir begleiten sie zu ihren Wohnungen, geben ihnen den Schlüssel, zeigen ihnen alles und erklären ihnen, wie beispielsweise die Espressomaschine funktioniert. Es gibt natürlich ein Telefon in jeder Wohnung, von da können sie in der Reception anrufen oder auch in den anderen Apartments."
... verso gli altri appartamenti."

Und wenn Arianna oder ihre Kolleginnen nicht weiterhelfen können, dann ist da ja noch der Dorfengel. Manlia Mattía heißt er in Sutrio. Als stellvertretender Bürgermeister kennt er sich bestens aus in der Gemeinde. Deutsch spricht er leider nicht – und wie ein Engel sieht er auch nicht unbedingt aus. Trotzdem will er dazu beitragen, dass ein Aufenthalt in seinem borgo autentico ein unvergessliches Erlebnis wird.

Rezeptionistin Arianna Matiz in Sutrio
"Dorfengel" Manlia Mattía in Sutrio
Ferienwohnung in Ovaro

[zum Anhören klicken: O-Ton "Dorfengel" Manlia Mattía]

"Penso, questo involgimente ...
Da ist einerseits natürlich die Information der Dorfbewohner, das heißt, dass alle wissen, dass die Gemeinde sich an dem Projekt als gastfreundliche Gemeinde beteiligt. Und daher sind sie sensibilisiert, dass sie jedem, dem sie auf der Straße begegnen, zeigen sollen, dass er dazugehört. Und wichtig sind natürlich auch unsere vielen Feste, wo alle zusammen feiern können.
... con questa attività."

Seine Kollegin Lieta dell' Oste im Dorf Ovaro ähnelt mit ihren blonden Haaren schon eher einem Engel. Hier reicht die Palette des albergo diffuso vom schlichten Ein-Zimmer-Apartment bis hin zur luxuriös-antik eingerichteten Villa – mit Preisen zwischen 17 und 27 Euro pro Person. Doch wenn es um das Wohl der Gäste geht, macht Dorfengel Lieta keinen Unterschied und tut alles, was in ihrer Macht steht.

[zum Anhören klicken: O-Ton "Dorfengel" Lieta dell'Oste]

"Dunque abbiamo avuto un gruppo di Trieste ...
"Wir hatten mal eine Gruppe von Managern aus Triest. Die hatten hier ein dreitägiges Incentive-Meeting. Wir haben für sie die Freizeit organisiert – mit Foto-Trekking, mit einer Bergwanderung und einer Fahrradtour. Und wir haben alle Zutaten besorgt, damit sie ein gemeinsames Abendessen kochen konnten."
... una cena cucinato da loro."

Ursprungs-"albergo diffuso" Comeglians
Frühstück frei Haus
Repräsentanten von Lauco mit Urkunde

Die längste Erfahrung mit alberghi diffusi hat das Dorf Comeglians, wo 1998 das erste dezentrale Hotel eröffnet wurde. Die weitaus meisten Gäste sind Italiener, aber auch bei deutschen Touristen kommt die Idee gut an.

[zum Anhören klicken: O-Ton Touristin]

"Wir wohnen in einer schönen Ferienwohnung, in der ich unabhängig bin, kochen kann, im Supermarkt im Dorf einkaufen, und zugleich hab’ ich den Service, den ich in einem Hotel auch habe. Es gibt Frühstück im Haus, ans Bett, und zugleich glaub’ ich, dass auch das Dorf davon profitiert, denn es ist halt eine Strukturentwicklung, Häuser werden erhalten, rekonstruiert, und so haben auch die Gemeinden was davon."

Und so hat das Konzept längst Schule gemacht, auch in anderen touristisch unterentwickelten Regionen Italiens. Aber der Ursprung liegt in Friaul und darauf sind alle beteiligten Dörfer schon ein bisschen stolz.

[Friulanische Musik]

 

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