Dilltal 4


FRIEDE SEI IHR ERST GELÄUTE
- das Glockenmuseum auf der Burg Greifenstein

Die Glockengießerei Rincker in der Gemeinde Sinn an der Dill ist eine der letzten ihrer Art. Und in der Nachkriegszeit hat ihr Besitzer Glocken aus ganz Deutschland zusammengetragen. Seine Sammlung bildete den Grundstock für das Deutsche Glockenmuseum. Es ist in einem ehemaligen Geschützturm der Burg Greifenstein untergebracht, die hoch oben über dem Dilltal thront. Das Museum bietet Klangerlebnisse der besonderen Art und gewährt Einblicke in das uralte – und bis heute kaum veränderte – Glockengießerhandwerk. Da werden natürlich auch Erinnerungen an Schiller wach:

Reportage (Radio hr4, 22.03.2014):

{zum Anhören klicken: Ausschnitt aus Schillers "Glocke"]

Festgemauert in der Erden
Steht die Form aus Lehm gebrannt.
Heute muss die Glocke werden,
Frisch, Gesellen, seid zur Hand!

Keiner hat die Entstehung einer Glocke so wortgewaltig beschrieben wie der Dichterfürst Friedrich Schiller. Anhand von Modellen im Museum auf Burg Greifenstein können die Besucher nachvollziehen, wie viel Arbeit und Kunstfertigkeit drinsteckt. Von wegen "Loch in Erde, Bronze 'rin, Glocke fertig, bim bim bim"!:

[zum Anhören klicken: O-Ton Museumsführer Michael Kreckel]

"Man hob erstmal eine Grube aus, hat dann den Kern der Glocke aus Lehmziegeln aufgemauert. Dieser Kern wurde dann eingefettet. Auf diesen Kern kam dann ein Modell der Glocke aus Ton, glatt gestrichen, dann hat man auf diese Tonglocke eine Schicht aufgebracht, die nennt sich Mantel – das ist auch Lehm, gemischt mit Pferdehaaren. War die dann trocken, konnte man jetzt diesen Mantel von der eingefetteten Modellglocke abheben, konnte die Modellglocke von dem eingefetteten Kern abheben, setzt den Mantel wieder oben drauf, und dann hat man diesen Hohlraum hier entstehen lassen, die so genannte verlorene Glocke, und dieser Hohlraum wurde dann mit flüssiger Bronze gefüllt."

[Ausschnitt aus Schillers "Lied von der Glocke":]
Jetzt, Gesellen, frisch!
Prüft mir das Gemisch,
Ob das Spröde mit dem Weichen
Sich vereint zum guten Zeichen.

Denn darauf kommt es an, meint auch Michael Kreckel vom Museumsverein. Das heißt: auf das richtige Verhältnis von Kupfer und Zinn. Das Material beeinflusst den Klang. Einen Ton gibt auch eine Glocke aus Gussstahl von sich, viel mehr aber nicht. 

Entstehung einer Glocke im Modell
Glocke der Gießerei Rincker aus Sinn
Kanonen zu Kirchenglocken!

[zum Anhören klicken: Glockengeräusche u. O-Ton Michael Kreckel]

"Das klingt ziemlich dumpf und auch kaum nach. – Die jetzt hier hat einen hohen Zinnanteil.  Die ist ziemlich schrill, würd' ich mal sagen, klingt auch ein bisschen länger nach, während 'ne richtige Bronzeglocke folgenden Sound von sich gibt. – Da merken Sie, wie lang das nachschwingt, der Ton."

Leider sind Kanonen und Kanonenkugeln aus demselben Material. Deshalb wurden Glocken in Kriegszeiten immer wieder eingeschmolzen. Auch darauf weist das Museum hin.

[O-Ton Michael Kreckel:]
"Der umgekehrte Weg – aus der Kanone 'ne Glocke machen – ist ganz selten passiert. Es gibt so ein Beispiel: in Wien, im Stephansdom, hängt die große 'Pummerin', die ist 1683 aus türkischen Kanonen gegossen worden."

Schwerter zu Pflugscharen, Kanonen zu Kirchenglocken! So ist's recht und wohl auch ganz im Sinne von Friedrich Schiller:

[zum Anhören klicken: Ausschnitt aus Schillers "Glocke" und Friedensgeläute]

Ziehet, ziehet, hebt!
Sie bewegt sich, schwebt.
Freude dieser Stadt bedeute,
Friede sei ihr erst Geläute!

[Atmo: Friedensgeläut]

 

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Hier geht's weiter zu Goethe in Wetzlar und der Reportage Dilltal 5.