Dilltal 5


SCHÖNES FRÄULEIN, DARF ICH WAGEN?
- eine Tour durch die Goethe-Stadt Wetzlar

Von Friedrich Schiller war schon die Rede – da darf natürlich auch Johann Wolfgang Goethe nicht fehlen. In Wetzlar, wo die Dill in die Lahn mündet, hat Deutschlands größter Dichterfürst tiefe Spuren hinterlassen. Kaum vier Monate verbrachte er hier, aber sie gehörten zu den intensivsten seines Lebens. Gerade 23 geworden, absolvierte Goethe im Sommer 1772 ein Praktikum am Wetzlarer Reichskammergericht (vergleichbar etwa dem heutigen Bundesgerichtshof). In dieser Zeit traf er seine erste große Liebe Charlotte Buff. Was er mit dem schönen Fräulein erlebte, verarbeitete Goethe in seinem Erstlingsroman "Die Leiden des jungen Werthers" und wurde damit schlagartig weltberühmt. Bei einer geführten Goethe-Tour durch die malerische Lotte-Stadt werden der junge Dichterfürst und seine ebenso romantische wie tragikomische Liebesgeschichte wieder lebendig.

Reportage (Radio hr4, 22.03.2014):

[zum Anhören klicken: O-Ton Christopher Opel alias Johann Wolfgang Goethe]

"Komm' ich zu spät? Ich bitte zu verzeihen. Mein Studieneifer trägt die Schuld, denn, sehen Sie, ein Praktikant am Wetzlarer Reichskammergericht hat unentwegt zu lernen."

Dabei würde sich der junge Johann Wolfgang Goethe doch viel lieber mit Literatur und Poesie beschäftigen. Nur seinem Vater zuliebe hat er Jura studiert.

[zum Anhören klicken: O-Ton Christopher Opel alias Goethe]

"Ich hasse die Juristerei! Wäre die Justiz ein Arzt, sie wäre schlimmer noch als die Krankheit."

Also begibt er sich auf Abwege, widmet sich den schönen Dingen des Lebens.

Ehem. Reichskammergericht in Wetzlar
Lieber hinaus in die Natur!
"Goethe" C. Opel vor dem Lotte-Haus

[O-Ton Christopher Opel alias Johann Wolfgang Goethe:]
"Justitia muss auf meinen Minnedienst verzichten. Stattdessen nehme ich meine Bücher und meinen Zeichenblock und wandere in die Natur. Ich schaue, staune, lese, zeichne, und mit einem Mal verwandelt sich mein Leben selbst in Dichtung."

In dieser schwärmerischen Stimmung lernt er bei einem Ball die schöne Lotte kennen.

[O-Ton Christopher Opel alias Johann Wolfgang Goethe:]
"Als sie sich dann dem Tanzvergnügen überließ und die Reihe gar an mir war, sie fürs Tanzen zu umfassen, hat sie mich völlig erobert. Schlimmer noch: Ich verlor den Takt und verirrte meine Füße, dass es drunter ging und drüber und schließlich Lottens ganze Gegenwart vonnöten war, bis sie mit ziehen und mit zerren alles wieder in die Ordnung brachte."

Tags darauf will er sie daheim im Deutschordenhof abholen und findet sie inmitten ihrer vielköpfigen Geschwisterschar. Wieder ist er verzaubert – von ihrer Anmut und von dem Familienidyll:

[zum Anhören klicken: O-Ton Christopher Opel alias Goethe]

"Sie hielt ein schwarzes Brot und schnitt ihren Kleinen ringsherum jedem sein Stück nach Proportion des Alters und Appetits, gab's jedem mit solcher Freundlichkeit, und jedes rief so ungekünstelt sein Danke, indem es mit den kleinen Händchen in die Höhe reichte, wie es herabgeschnitten war, um dann entweder vergnügt davonzuspringen oder nach seinem stilleren Charakter gelassen zum Tore zu gehen, um die Fremden und die Kutsche zu sehen, darinnen ihre Lotte wegfahren sollte."

Vorerst bleibt es bei einer harmlosen Schwärmerei. Denn die Angebetete ist schon einem anderen versprochen. Doch eines Tages lässt Goethe sich hinreißen und wagt es das schöne Fräulein zu küssen.

[O-Ton Christopher Opel alias Johann Wolfgang Goethe:]
"Da stößt Lotte mich von sich, als hätte sie der Wurm gestochen. Ich falle rücklings um, Lotte springt vom Kanapee, erklärt mir, dass ich nichts zu hoffen habe. Dann rafft sie ihren Rock und springt über mich hinweg, geradewegs in ihre Kammer."

Lotte schneidet Brot für die Geschwister
"Goethe" C. Opel vor dem Dom
(Grünliches) Haus von Goethes Tante

Aus und vorbei, die schöne Schwärmerei. Goethe sucht sein Heil in der Flucht.

[O-Ton Christopher Opel alias Johann Wolfgang Goethe:]
"Ja, mein Entschluss steht fest: Ich gehe fort von Wetzlar, fort vom Hof des Deutschen Ordens, fort von den lieben Kleinen, die mich gestern ein letztes Mal vor den Torbogen begleitet haben, und auch fort von ihr."

Dennoch behält er die Stadt an Lahn und Dill zeitlebens in bester Erinnerung.

"Meiner Profession, der Literatur, der bin ich mir hier bewusst geworden. Für Ihre Teilnahme dankend, ferneres Vertrauen in meine Werke hoffend, bleibe ich unwandelbar der Ihrige – Johann Wolfgang Goethe. Lesen Sie wohl!"

 

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"PAH, WAS FÜR EIN GESTANK!"
- Goethes erster Eindruck von Wetzlar

Wetzlar ist heute eine geschäftige Industriestadt von etwas mehr als 50.000 Einwohnern. Der historische Kern mit dem mächtigen Dom, den schmucken Fachwerkhäusern und barocken Palais lockt mit Recht viele Touristen an. Doch zu Goethes Zeiten sah es dort etwas anders aus. Mitte/Ende des 18. Jahrhunderts war Wetzlar ein kleines schmutziges Nest von ca. 4.000 Einwohnern, Freie Reichsstadt zwar seit dem Mittelalter und Sitz des bedeutenden Reichskammergerichts seit 1689, aber dennoch alles andere als der Nabel der Welt. Johann Wolfgang Goethe war immerhin in Frankfurt am Main geboren und aufgewachsen, hatte in Leipzig und Straßburg studiert. Er war trotz seines jugendlichen Alters beinahe so etwas wie ein Mann von Welt für die damalige Zeit. Nun wurde er ausgerechnet in das winzige Wetzlar geschickt, einer (juristischen) Familientradition folgend, denn dort hatten schon sein Vater, sein Großvater und sein Urgroßvater ihre Praktika am Reichskammergericht absolviert. Außerdem wohnte eine Tante seiner Mutter dort, die Hofrätin Susanne Lange, die ihm für ein paar Monate Logis bieten konnte. Doch als Goethe in Wetzlar eintraf, war es für ihn wie ein Kulturschock!
Was genau er empfand bei seiner Ankunft, hören Sie hier in ungekürzter Version:

[zum Anhören klicken: O-Ton Christopher Opel alias Goethe]

 

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