Breslau 3


NAH AM WASSER GEBAUT
- eine Schiffstour auf der Oder

Die Breslauer haben nah am Wasser gebaut – nämlich links und rechts der Oder, ihrer Nebenflüsse und auf den zahlreichen Inseln im Strom. Beim großen Hochwasser 1997 bekamen die Anwohner das auf sehr unangenehme Weise zu spüren, aber die Not hat sie zusammengeschweißt, heißt es. Erstmals hätten sich viele Menschen, die nach dem Krieg aus anderen Teilen Polens hier angesiedelt wurden, als echte Breslauer bzw. Wrocławer gefühlt. Und obwohl sie manchmal nasse Füße kriegen, lieben sie ihre Oder. Sie gehen am Ufer spazieren, picknicken oder grillen. Am Wochenende finden hier häufig die unterschiedlichsten Veranstaltungen statt. Der Strom ist Breslaus Lebensader, und die erlebt man am besten auf einer Schiffstour mit der "Weißen Flotte".

Reportage (Radio hr4, 07.03.2009):

[zum Anhören klicken: komplette Reportage]

[Atmo: Schiffsglocke der "Nereida"]

Leinen los und die "Nereida" sticht in See – oder besser gesagt: in Fluss. Der Bootssteg an der Sandinsel wird langsam kleiner. Genauso wie das Gebäude der Universitätsbibliothek und die Marienkirche im Hintergrund. Wir schippern stromaufwärts, aber auch anders herum wäre es möglich:

[O-Ton Norbert Kulpiński:]
"Die Oder ist schiffbar bis zur Ostsee. Also, mit dem kleinen Schiff, da können wir direkt nach Swinemünde fahren."

Stadtführer Norbert Kulpiński erlebt Breslau gerne vom Wasser aus, denn von hier hat man den schönsten Blick auf die Keimzelle der Stadt, auf die Dominsel. Wo heute die beiden Türme des Doms fast einhundert Meter hoch in den Himmel ragen, wurde im 10. Jahrhundert die erste Siedlung gegründet, denn zwei wichtige Handelsstraßen trafen hier aufeinander – die Bernsteinstraße und die Salzstraße.

[O-Ton Norbert Kulpiński:]
"Und die Dominsel, kann man so sagen, das war immer der kleine Vatikan in Breslau, denn fast alle weltlichen Leute haben die Insel verlassen, schon im Mittelalter, und hier auf der Insel sind dann nur die Geistlichen geblieben. Und das ist auch heute so, fast alles gehört zu der römisch-katholischen Kirche – also viele Kirchen, auch Klöster, Altersheime für Priester, auch Theologische Hochschule, Priesterseminar, Caritas und andere solche Objekte."

Auf unserer Fahrt entlang der Dominsel stellen wir fest, dass sie scheinbar gar kein Ende nehmen will. Kein Wunder, meint unser einheimischer Begleiter, denn schon seit 1811 ist sie gar keine richtige Insel mehr.

Stadtführer Norbert Kulpiński
Peter-und-Pauls-Kirche auf der Dominsel
Dominsel ist nur noch eine Halbinsel

[O-Ton Norbert Kulpinski:]
"Die Dominsel, das ist jetzt nur sozusagen der historische Name. Also, hier floss noch früher diese so genannte Domoder, also ein Oderarm. Und ungefähr vor 200 Jahren wurde diese Domoder zugeschüttet, aber der historische Name ist geblieben, und wir sagen sowohl im Deutschen als auch im Polnischen, dass das eine Insel ist."

Der kleine Etikettenschwindel tut ihrer Schönheit keinen Abbruch. Und während wir die Doppeltürme des Doms langsam aus den Augen verlieren, macht uns Norbert Kupliński auf eine weitere Besonderheit aufmerksam:

[O-Ton Norbert Kulpiński:]
"Wir haben hier einige Flüsse, deshalb haben wir auch viele Brücken, also insgesamt zusammen mit Eisenbahnbrücken und Stegen haben wir 112 Brücken in der Stadt."

Grunwaldzki- alias Kaiserbrücke
Tier- alias Passbrücke
Zurück an der Sandinsel

Die eindrucksvollste ist die Grunwaldzki-Brücke, mit einer Spannweite von 210 Metern die längste Hängebrücke Polens. Früher hieß sie "Kaiserbrücke" und wurde am 10.10.1910 von Kaiser Wilhelm II. eingeweiht. Und während wir unter ihr hindurchtauchen, kommen diese Besucher aus dem fernen Großbritannien ins Schwärmen:

[O-Töne Touristen:]
"The boat-trip is fine…
Eine schöne Schiffstour. Es gibt so viel zu sehen. Ich mag die Flüsse und die vielen Kirchen. Wirklich sehr schön.
…yeah, it’s very nice."
"I think, it’s amazing…
Erstaunlich, wie sich die Stadt von den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg erholt hat. Ich habe alte Fotos gesehen, wie es damals aussah. Wie es dagegen heute aussieht, ist wirklich erstaunlich.
…where it is now. It’s amazing."

[Atmo: Schiffsglocke]

Nach rund anderthalb Stunden oderauf- und wieder -abwärts kehrt die "Nereida" zum Ausgangspunkt zurück. Und im Gegensatz zur Dominsel ist die Sandinsel auch heute noch eine richtige Insel!

 

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