Yorkshire 6


MY HOME IS MY CASTLE
- das Barockschloss Howard bei York

Charles Howard, der dritte Earl of Carlisle, war ein steinreicher Erbe, der sich in den Kopf gesetzt hatte, einen repräsentativen Familiensitz in Yorkshire zu bauen. In seinem Londoner Club traf er den Bohemien John Vanbrugh, der fast alles ausprobiert hatte in seinem Leben – nur als Architekt war er bis dahin nicht aufgefallen. Doch ausgerechnet diesem Herrn vertraute der junge Earl seinen Lebenstraum an. Und er sollte es nicht bereuen. Vanbrugh entwarf ihm ein Schloss im damals völlig neuartigen Barockstil, das an Pracht und Prunk alles übertraf, was es in England bisher gegeben hatte. Im Jahr 1700 war Baubeginn, und es dauerte mehr als hundert Jahre, bis es komplett fertig gestellt war. Noch immer ist Castle Howard im Familienbesitz, und noch immer ist es eines der imposantesten Schlösser auf der Insel. Es liegt ca. eine halbe Autostunde nordöstlich von York, und bis auf die Privatgemächer der Familie können alle Räume besichtigt werden – ebenso wie der 4.000 Hektar große Park.

Reportage (Radio hr4, 28.06.2008; hr-iNFO, 19.07.2008):

[zum Anhören klicken: komplette Reportage]

[Atmo: Springbrunnen]

Der Vergleich mit französischen Königsschlössern drängt sich auf, wenn man vom Schlosspark über die Wasserspiele hinweg auf die Südfront von Castle Howard schaut. Sie ist fast 100 Meter breit. Eine markante Kuppel in der Mitte setzt der Silhouette die Krone auf. Sie ist sozusagen das Meisterstück von John Vanbrugh. Die Idee dazu soll ihm in Paris gekommen sein.

[O-Ton Kay Inman:]
"While he was in the Bastille …
Als er wegen Spionage in der Bastille einsaß, erzählt Schlossführerin Kay Inman, begann sein Interesse für Architektur und er machte Zeichnungen von Gebäuden. Am meisten fasziniert sei er von einem Gebäude mit einer Kuppel gewesen, schreibt er in seinem Tagebuch. Wir wissen nicht welches, aber nach meinen Recherchen war es wohl der Invalidendom.
… it’s probably Les Invalides."

[Atmo: barocke Orgelmusik]

Kuppelbau von Castle Howard
Fresken von A. Pellegrini
Kunstsammlung der Howards

Innen ist die Kuppel von Castle Howard reich mit Fresken ausgemalt. Auch hier erwies es sich als Glücksfall, dass der Bauherr, Charles Howard, den Architekten ausgewählt hatte, der eigentlich kein Architekt war. Denn John Vanbrugh hatte beste Beziehungen zum Künstlermilieu. Für die Deckengemälde des Schlosses beauftragte er zwei italienische Maler, die er in London kennen gelernt hatte.

[O-Ton Kay Inman:]
"Antonio Pellegrini painted the frescoes ...
Antonio Pellegrini malte die Fresken in der Großen Halle und in einigen Räumen, die später bei einem Feuer zerstört wurden. Und Marco Ricci bemalte die Flächen über den Eingängen. Sie waren fast drei Jahre hier und sehr beliebt. Marco Ricci wurde nur 'Mister Marco' genannt. Und sie schrieben ihren Freunden, dass das Essen sehr gut sei in Castle Howard.
... very good at Castle Howard."

Die Fresken unter der Kuppel der Großen Halle sind nur EIN künstlerischer Leckerbissen. Das ganze Schloss hängt voller Gemälde von berühmten Meistern wie Holbein dem Jüngeren, Gainsborough und Canaletto. Vor allem Henry Howard, der vierte Earl of Carlisle, war ein leidenschaftlicher Kunstsammler. Er lebte lange Zeit in Rom. Von ihm stammt auch eine stattliche Kollektion von antiken Statuen aus Pompeji und Herculaneum.

Schlossführerin Kay Inman
Holbeins "Heinrich VIII."
Antike Statue

[O-Ton Kay Inman:]
"When his father died he brought …
Als sein Vater starb, brachte er vier Schiffsladungen von Artefakten mit nach Hause. Darunter die Statuen, die wohl nur als Ballast mitgenommen wurden. Aber auch Gemälde und Möbel. Und er verteilte seine Mitbringsel auf Castle Howard und zwei andere Häuser der Familie in London und in Cumberland.
… the third home in Cumberland."

Heute stellt das Schloss in Yorkshire manches Museum und manche Gemäldegalerie in den Schatten – so üppig ist es mit Kunstwerken ausgestattet. Inzwischen ist ein gewisser Simon Howard Herr über all die barocke Pracht. Den Titel eines Earl of Carlisle führt er nicht mehr, aber das Erbe seiner Vorfahren will er der Familie und der Nachwelt möglichst lange erhalten.

 

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