Regensburg 1

SPATZEN UND ENGEL
- geflügelte Wesen im Dom St. Peter

Mehr als hundert Meter ragen seine beiden Türme in den Himmel: Der Regensburger Dom St. Peter ist weithin sichtbar und das Wahrzeichen der Stadt. Schon im frühen Mittelalter gab es an gleicher Stätte einen romanischen Vorgänger. Nachdem er durch ein Feuer zerstört worden war, entstand ab 1273 eine neue Bischofskirche im Stil der französischen Gotik. Spätere barocke Umgestaltungen wurden im 19. Jahrhundert entfernt, sodass sich der Regensburger Dom heute wieder in seiner weitgehend ursprünglichen Form präsentiert und als bedeutendstes gotisches Bauwerk im süddeutschen Raum gilt. Ganz wesentlich zu seiner Bedeutung beigetragen hat neben der Architektur vor allem sein Knabenchor. Die "Regensburger Domspatzen" sind nicht die einzigen "geflügelten Wesen" von St. Peter, aber sie machen einen Besuch des Doms auch zum akustischen Genusserlebnis.

Reportage (Radio hr4, 14.07.2012; rbb-INFOradio, 24.11.2012):

[Musik: Domspatzen singen "Hosanna filio David" von Tomás Luis Victoria]

Wie Spatzen klingt das eigentlich nicht. Eher wie Nachtigallen. Oder wie die himmlischen Chöre der Cherubim und Seraphim. Jeden Sonntag beim Hochamt in St. Peter lassen die Domspatzen ihren Gesang erschallen. Seit mehr als tausend Jahren sind sie fester Bestandteil der Liturgie und mittlerweile das wohl bekannteste Aushängeschild von Regensburg. Konzertreisen führen sie rund um den Erdball. Und da wurden sie schon gefeiert wie Popstars. Zum Beispiel in der Hauptstadt von Taiwan, erzählt Chormanager Christof Hartmann:

[zum Anhören klicken: O-Ton Christof Hartmann]

"In dem einen Konzert in Taipeh, in der großen Konzerthalle, da war das so, wie wenn jetzt Michael Jackson auftreten würde. Und hinterher, da wollen die Autogramme. Das ist für unsere Buben etwas ungewohnt gewesen, aber es war eine schöne Erfahrung."

Der weltbekannte Knabenchor ist die größte, doch nicht die einzige Attraktion des Regensburger Doms. Faszinierend sind auch seine kunstvoll gestalteten Farbfenster, die nur gedämpftes Licht hereinlassen und für eine fast schon mystische Atmosphäre sorgen. Die ältesten stammen aus dem 13. Jahrhundert. Meist zeigen sie biblische Motive.

Hochamt im Dom
Domspatzen
Domführerin Sabine Kobler

[O-Ton Sabine Kobler:]
"Den 'Blauen Esel von Regensburg' sieht man hier. Sehr hellblau eigentlich. Und dargestellt ist die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten. Interessant ist da vor allem die perspektivische Darstellung, find' ich, des Raums. Das ist fast schon so ein Fluchtpunkt, von der Perspektive her, so zentralperspektivisch fast schon aufgebaut. Das ist zu der Zeit doch schon recht bemerkenswert."

Neben den bunten Kunstwerken aus Glas weckt Domführerin Sabine Kobler auch Begeisterung für die bildhauerischen Schmuckstücke. Ebenfalls schon rund 700 Jahre alt ist eine Figur des so genannten Erminoldmeisters. Sie stellt den Erzengel Gabriel dar und wird der "Lachende Engel" genannt.

[O-Ton Sabine Kobler:]
"Weil er lacht, weil er so lebensnah dargestellt ist, so fröhlich. Wenn man nahe hingeht, sieht man sogar die Zähnchen: Oder wenn man sich die Füße anschaut, die sind besonders nett, wie die Zehen sich so hochwölben. Diese Lebendigkeit, die da drin steckt."

Der "Lachende Engel" schmückt einen Stützpfeiler in der Mitte des Doms und ist nicht zu übersehen. Ganz anders zahlreiche kleinere Figuren, die fast schon versteckt in die Wände eingelassen sind und dem flüchtigen Betrachter leicht entgehen. Nicht aber Sabine Kobler, der Domführerin. Ihre Lieblingsfiguren sind der "Teufel und seine Großmutter" am Westportal:

"Der blaue Esel"
Lachender Erzengel Gabriel
"Teufels Großmutter"

[zum Anhören klicken: O-Ton Sabine Kobler]

"Da sehen Sie so ein geflügeltes Wesen mit 'ner Fratze, Schwanz und Krallen – und das soll heißen: Andere Dämonen, verzieht euch, wir sind schon da. Auf der anderen Seite hat man dann die Großmama, also 'ne weibliche Gestalt. Hier oben sieht man so 'ne Flechtfrisur und ein Tuch, das sich hier so rumlegt. Und auch wieder mit Schwanz und Krallen und geflügelt, die Oma."

Die beliebtesten und berühmtesten geflügelten Wesen des Regensburger Doms sind und bleiben jedoch die "Spatzen". Und warum das so ist, demonstrieren sie – begleitet von der größten freihängenden Orgel der Welt – immer wieder sonntags um 10 beim Hochamt in St. Peter.

[Musik: Domspatzen singen "Lasst uns singen dem Herrn" von Fritz Schieri]

 

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VON PALESTRINA BIS JANIS JOPLIN
- mehr über die Regensburger Domspatzen

Ihr Repertoire reicht von Kirchenmusik des italienischen Komponisten Giovanni Pierluigi da Palestrina bis zu Rock-Klassikern wie Janis Joplins "Mercedes Benz". Die Regensburger Domspatzen sind ein Knabenchor voller Überraschungen. Keine verklemmten Chorknaben, die mit dem Gebetbuch unterm Kopfkissen schlafen, sondern ganz "normale" Jugendliche mit Gelfrisuren und I-Phone. Der einzige Unterschied: Sie haben eine besondere Begabung – das Singen.
Während meines Besuchs in Regensburg hatte ich Gelegenheit bei einer Chorprobe dabei zu sein und war von ihrer hohen Professionalität beeindruckt. An einem strahlenden Juninachmittag, wenn es andere Jungs eher ins Schwimmbad oder ins Eiscafé zieht, konzentrierten sie sich 90 Minuten voll auf ihren "Job". Zusammen mit Domkapellmeister Roland Büchner bereiteten sie sich auf den sonntäglichen Gottesdienst vor und verpassten ihrem "Kyrie eleison" den letzten klanglichen Schliff.
Hier eine kleine Kostprobe:

[zum Anhören klicken: Atmo Chorprobe]

Im Anschluss konnte ich mit Chormanager Christof Hartmann ein ausführliches Gespräch führen. Dabei erzählte er, dass der Knabenchor schon 1976 sein 1000-jähriges Jubiläum feierte.
Im 10. Jahrhundert gründete der damalige Bischof Wolfgang (der nach seinem Tod heiliggesprochen und zum Namenspatron des Wolfgangsees im Salzkammergut wurde) in Regensburg eine Domschule mit Chor.  Aber erst vor etwa hundert Jahren ist der Name "Domspatzen" entstanden. Von 1964 bis '94 war Georg Ratzinger, der Bruder von Papst Benedikt XVI., Chorleiter. Heute haben die Domspatzen mehr als 400 Mitglieder zwischen 11 und 18 Jahren. Sie alle besuchen das Musikgymnasium in der Regensburger Reichsstraße.
Im Mittelpunkt meines Interviews stand die Frage: Wie wird man eigentlich ein Domspatz?

[zum Anhören klicken: Zusammenschnitt aus meinem Interview mit Christof Hartmann]

 

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Hier geht's weiter zur historischen Stadtführung und der Reportage Regensburg 2.