New York City 4


BAR CRUISING
- mit durstigen Kehlen durch Manhattan bei Nacht

Um noch einmal Frank Sinatra zu bemühen: New York ist eine Stadt, die niemals schläft, behauptet er in seiner Hymne – und das völlig zurecht! Millionen von Lichtern machen die Nacht zum Tag. Vor allem rund um den Times Square herrscht bis in die frühen Morgenstunden dichtes Gedränge. Restaurants, Kinos, Theater und Entertainment aller Art locken die New Yorker auch zu später Stunde noch aus dem Haus. Das Gleiche gilt für die unzähligen Kneipen und Bars. Bei diesem Überangebot den Überblick zu behalten, ist kompliziert. Deshalb bietet der Deutsche Volker Hanke von Insightseeing Tours Führungen für durstige Kehlen an. Bei seinem so genannten "bar cruising" steuert er aber weniger die angesagten Szene-Bars an, sondern vielmehr die kleinen Eckkneipen, wo die einfachen Menschen ihr Feierabend-Bierchen trinken und sich Touristen nur selten hin verirren. Eine gewisse Trinkfestigkeit ist beim "bar cruising" keine Bedingung, schadet aber auch nicht, denn ganz ohne Promille macht es nur halb so viel Spaß. Und in "Teufels Küche" kommt man sowieso.

Reportage (Radio hr4, 22.07.2006):

In der "Westside Story" haben sich hier die rivalisierenden Jugendbanden der "Jets" und der "Sharks" geprügelt. Hell's Kitchen, also Teufels Küche, war einst eines der heißesten Pflaster von Manhattan. Heute ein gemütliches Viertel, nur wenige Häuserblocks vom touristischen Zentrum am Times Square entfernt. Hier gibt es viele kleine Restaurants und Kneipen, wo die Preise noch bezahlbar sind. Die erste Station auf unserem Rundgang mit Volker Hanke ist Rudy's Bar + Grill.

[O-Ton Volker Hanke:]
"Ein sehr schöner Mix von Leuten: Schwarze, Weiße, Junge, Alte, Yuppies, reiche und arme Leute. Und eine ganz gemischte Jukebox: Jazz, Sinatra, wie man hört, Hard Rock und quer durchs Beet, alles vertreten."

[Sinatra-Musik]

Nachdem wir das erste Bierchen verkostet haben, nehmen wir uns noch ein zweites zum Nachspülen. Und schon "cruisen" wir weiter. Machen kurz einen Abstecher zur Siberia Bar, eine obskure Kellerkneipe mit ebenso obskurem Publikum. An der Wand jede Menge Devotionalien der alten Sowjetunion. Früher soll die Bar einem Russen gehört haben, der aussah wie Rasputin, erzählt Volker, und als KGB-Agent verhaftet wurde. Das nächste Bier aber nehmen wir in der Holland Bar. Winzig klein und vor allem von Stammgästen frequentiert.

Mit Volker Hanke (Mitte) in Rudy's Bar
Siberia Bar
Holland Bar

[zum Anhören klicken: O-Ton Volker Hanke]

"Da war einer von den Leuten, der hieß Charlie, mal 'n paar Tage nicht da, da haben sie sich schon Sorgen gemacht. Und dann war er zwei, drei Tage später immer noch nicht da, dann haben sie 'n paar Anrufe gemacht und 'rausgefunden, Charlie war gestorben. Er lag tot in seinem Apartment und hatte keine Familie, Verwandte, und da haben sich also nur die Freunde aus der Bar um ihn kümmern können, haben 'n bisschen Geld zusammengeschmissen, das Günstigste war eben Verbrennung, die Asche in 'ner Urne und die hat man jetzt über der Bar geparkt, zwischen den beiden L von dem Holland-Bar-Schild."

Diese makabre und doch irgendwie rührende Geschichte muss sich erstmal setzen. Deshalb verlassen wir Hell's Kitchen und fahren mit der U-Bahn hinüber nach Queens, wo wir die nächtliche Skyline von Manhattan genießen. Dort, am Ufer des East River, hat man den besten Blick auf das Lichtermeer. Erst als der Durst zu groß wird, setzen wir unser "bar cruising" fort. Höhepunkt der Tour ist die Boxer-Kneipe Jimmy's Corner unweit des Times Square. Von außen unscheinbar, aber innen wie ein kleines Museum.

[O-Ton Volker Hanke:]
Jimmy Glenn, der Besitzer, hat also früher mit den verschiedensten Boxern gearbeitet und seine größte Bekanntschaft war natürlich Muhammad Ali. Und wenn man 'rein kommt, hängt auch gleich links die alte Ring-Glocke vom Madison Square Garden und die ganze Bar ist voll von Motiven aus dem Boxergeschäft: Plakaten von Kämpfen, historische Aufnahmen und all solche Sachen."

Jimmy's Corner"
Box-Legende Muhammad Ali (rechts)
Ringglocke aus dem Madison Square Garden

Der alte Jimmy, inzwischen in Ehren ergraut, steht immer noch jeden Abend hinterm Tresen. Er scheint zwar ein eher wortkarger Mann zu sein, aber als die Sprache auf seinen Freund Muhammad Ali kommt, taut er förmlich auf.

[zum Anhören klicken: O-Ton Jimmy Glenn, englisch]

"The best man in the world ...
Der beste Mensch der Welt, sagt Jimmy Glenn über Ali, er ist gütig und hilft jedem, dem er helfen kann.
- And as a boxer ­­– was he really the greatest?
Als Boxer war er nicht von Anfang an der Größte, er hat sich zum Größten gemacht. Er war der anerkannteste Mensch der Welt.
... most recognized person in the world."

Darauf erheben wir die Gläser. Wir könnten noch lange hier sitzen oder durch weitere Bars "cruisen". In New York sind sie mindestens bis vier Uhr morgens geöffnet, und Volker Hanke hätte da noch einige Tipps auf Lager. Aber wegen der Zeitverschiebung sind alle ziemlich k.o. Und so läuten wir lieber die letzte Runde ein ...

[Atmo: Ring-Glocke]

... bevor wir endgültig ausgezählt werden.

 

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