Flensburger Förde 3

DIE WIEGE DER EUROPÄISCHEN KÖNIGSHÄUSER
- ein Besuch auf Schloss Glücksburg

Es ist ein Wahrzeichen des Landes Schleswig-Holstein und gilt als "Wiege der europäischen Königshäuser": Das Wasserschloss in Glücksburg an der Flensburger Förde. Zumindest auf Fotos haben es sicher die meisten schon gesehen, denn der Anblick prägt sich ein. Das markante Bauwerk mit seinen vier achteckigen Türmen, malerisch umgeben von einem Teich, stammt aus der Zeit der Renaissance. Es ist im Besitz der deutsch-dänischen Adelsfamilie von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg und kann besichtigt werden. Jeden ersten Dienstag im Monat übernimmt sogar eine echte Prinzessin die Führung. Aber ihre bürgerlichen Kollegen kennen sich ebenfalls bestens aus auf Schloss Glücksburg. Und sie wissen natürlich auch, warum es "Wiege der europäischen Königshäuser" genannt wird.

Reportage (Radio SWR4 RP, 22.10.2017):

Schlossführer Gerhard Handschick beginnt seine Runde draußen vor dem Tor. In den folgenden sechzig Minuten prasseln viele Namen auf uns ein. Der erste ist Herzog Johann der Jüngere. Er ließ das Schloss Ende des 16. Jahrhunderts erbauen. Auf den Grundmauern eines verfallenen Klosters:

[O-Ton Gerhard Handschick:]
"Gedauert hat das Ganze von 1582 bis 1587. In fünf Jahren stand alles. Und als das hier fertig gebaut war, auf Granitfelsen, da wurde dann aufgedeicht und oben das Wasser reingelassen, dass wir dann plötzlich ein Wasserschloss hatten."

Der Herzog gab seinem Schloss den Namen Glücksburg, und es zeigte sich bald, dass der Name auch Glück brachte. Auf seinem Wappen über dem Tor ließ Johann in goldener Schrift die Buchstaben GGGMF aufmalen.

[zum Anhören klicken: O-Ton Gerhard Handschick]

"Gott gebe Glück mit Frieden. Das war sein Motto, und er war verheiratet einmal mit der Elisabeth von Braunschweig-Lüneburg. Mit der hatte er 14 Kinder. Dann starb sie mit 35. Er heiratete nach zwei Jahren noch einmal die Agnes Hedwig von Anhalt. Mit der hatte er nochmal neun Kinder."

Plötzlich ein Wasserschloss
Herzog Johann der Jüngere*)
König Christian IX. mit Familie

23 Kinder also aus zwei Ehen. Wenn das kein Familienglück ist! Und auch in den folgenden Generationen blieb der Kinderreichtum erhalten. Eine Sonderausstellung im Schloss ist einem Spross des Hauses Glücksburg gewidmet, der 1863 als Christian IX. König von Dänemark wurde.

[O-Ton Gerhard Handschick:]
"Wir nennen ja Schloss Glücksburg auch Wiege Europas, und Christian nennen wir den Schwiegervater Europas. Aus ganz bestimmtem Grund. Er war verheiratet mit Louise von Hessen-Kassel, und die hatten zusammen sechs Kinder, drei Söhne und drei Töchter."

Ein Sohn folgte seinem Vater auf den dänischen Thron, der zweite wurde König von Griechenland, der dritte nahm eine französische Prinzessin zur Frau. Dann die Töchter: Die älteste heiratete den späteren Edward VII. von England, die jüngste Prinz Ernst August von Hannover, und die mittlere den russischen Thronfolger Alexander:

[O-Ton Gerhard Handschick:]
"Die Dagmar wollte eigentlich Nikolaus heiraten, den Bruder, der starb vor der Hochzeit, und dann haben sie ihr gesagt: Heirate mal ruhig den Alexander, der ist auch ganz in Ordnung. Und so hat sie Alexander III. geheiratet und wurde Zarin."

Kompliziert, diese vielen Namen. Sie zeigen aber, dass die Glücksburger mit fast dem gesamten europäischen Hochadel verwandt sind. Und wer jetzt selbst Lust aufs Heiraten bekommen hat, kann das gleich im Schloss tun. Dort gibt es ein Trauzimmer für die standesamtliche Vermählung, und in der Schlosskapelle bekommen Hochzeitspaare dann auch noch den kirchlichen Segen für ihr Eheglück.

 

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*) Foto mit freundlicher Genehmigung von Schloss Glücksburg

 

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WO DIE KAISERIN ZU FUSS HIN GING
- Auguste Viktoria und ihre Toilette

Nicht auf Schloss Glücksburg geboren, aber häufig zu Gast, war die letzte deutsche Kaiserin Auguste Viktoria, Gemahlin von Kaiser Wilhelm II. Sie entstammte dem Hause Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, einem anderen Zweig der Familie mit Sitz in Nordschleswig, das heute zu Dänemark gehört. Ihre Schwester Karoline Mathilde aber war mit dem Glücksburger Herzog Friedrich Ferdinand verheiratet, der wiederum ein Neffe des oben erwähnten Königs Christian IX. von Dänemark war. Alles klar? Nein? Egal.
Besagte Auguste Viktoria jedenfalls besuchte häufig ihre Schwester in Glücksburg, manchmal auch in Begleitung ihres kaiserlichen Gatten. Sie fühlte sich dort eigentlich auch sehr wohl. Es gab nur ein Problem: Schloss Glücksburg besaß keine Toiletten, die einer Kaiserin würdig gewesen wären. Der Bau aus der Renaissance-Zeit hatte lediglich nach unten offene Erker an allen vier Türmen, sogenannte Schwalbennester, die als Abtritt dienten. Von dort floss das "Geschäft" durch schmale Schächte ungeklärt in den Schlossteich.
Im ausgehenden 19. Jahrhundert allerdings galt diese Praxis (zumindest aus Sicht der Oberen Zehntausend) als nicht mehr ganz zeitgemäß. Von ihrem Berliner Schloss jedenfalls war die Kaiserin Besseres gewöhnt. Drum drängte Auguste Viktoria darauf, dass auch ihr Gäste-Gemach auf Schloss Glücksburg eine moderne Toilette bekommen sollte.
Dem Wunsch der Kaiserin wurde schließlich Rechnung getragen und ein komplettes Badezimmer eingebaut. Mit fließend Wasser, einer Badewanne, einer Kloschüssel aus Porzellan inklusive Wasserspülung. Eine schöne Tapete an den Wänden gab's noch gratis mit dazu. Das stille Örtchen, wo die Kaiserin zu Fuß hin ging, ist bei einer Schlossführung im Original zu bewundern.
Und auch der heutige Schlossherr, Prinz Christoph, und seine Familie müssen auf die Annehmlichkeiten eines modernen Wasserklosetts nicht mehr verzichten. Das Gleiche gilt für Besucher von Schloss Glücksburg. Denen steht sogar ein barrierefreies WC zur Verfügung.

 

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IRRUNGEN UND WIRRUNGEN
- die komplizierte Geschichte Schleswig-Holsteins

Ja, sie ist kompliziert, die Geschichte derer von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg. So kompliziert wie die Geschichte des Landes Schleswig-Holstein insgesamt. Irrungen und Wirrungen. Teils deutsch, teils dänisch. Ein ständiges Hin und Her. Bei einem Besuch an der Flensburger Förde wird man unweigerlich mit der Historie konfrontiert. Hier deshalb eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Daten und Ereignisse:
Alles begann im frühen Mittelalter, nämlich 811, als zwischen dem Frankenherrscher Kaiser Karl dem Großen und den heidnischen Nordgermanen der Fluss Eider zur Grenze erklärt wurde. Aus dem Gebiet nördlich davon (bis zur heutigen Stadt Kolding) entstand Schleswig, aus dem Gebiet südlich davon (bis zur Elbe) entstand Holstein.
Die Vereinbarung über den Grenzverlauf hielt bis zum 13. Jahrhundert. Dann versuchte der dänische König Waldemar II. auch Holstein seinem Herrschaftsgebiet einzuverleiben. Es kam zum Krieg, und Waldemar verlor die entscheidende Schlacht gegen die norddeutschen Fürsten.
Ende des 14. Jahrhunderts erhielten die holsteinischen Grafen von Schauenburg Schleswig als dänisches Lehen. Fortan waren die beiden Gebiete erstmals vereint.
1460 wählte die schleswig-holsteinische Ritterschaft den dänischen König Christian I. aus dem deutschen Adelsgeschlecht der Oldenburger zu ihrem Landesherrn. Vertraglich wurde vereinbart, dass die "Elbherzogtümer" Schleswig und Holstein "up ewig ungedeelt" (auf ewig ungeteilt) bleiben sollten. Sie wurden auch nicht Bestandteile des dänischen Königreichs, sondern waren nur in Personalunion mit Dänemark verbunden, d.h. der dänische König war gleichzeitig Herzog von Schleswig und von Holstein. Noch komplizierter wird es dadurch, dass auch mit Nebenlinien des Herrscherhauses Oldenburg wie z.B. den Glücksburgern oder Augustenburgern Herzogstitel verbunden waren, diese Titular-Herzöge übten aber keine Territorialherrschaft aus.

Dänische Ochseninseln in der Förde

Das Konstrukt Personalunion hatte (mit kurzen Unterbrechungen) rund vierhundert Jahre Bestand. Zu Problemen führte es erst wieder im 19. Jahrhundert. Beim Wiener Kongress nach den napoleonischen Kriegen wurde nur das Herzogtum Holstein dem neu gegründeten Deutschen Bund zugeschlagen, das Herzogtum Schleswig blieb außen vor. Aber weiterhin war der dänische König auch Landesherr in beiden Herzogtümern.
Mitte des Jahrhunderts versuchte Christian VIII. Schleswig enger an sein Königreich zu binden und erhob Dänisch in Teilen des Herzogtums zur alleinigen Amtssprache. Das führte zu einem Aufstand der deutschsprachigen Bevölkerung, die von Truppen des Deutschen Bundes militärisch unterstützt wurde. Im ersten Schleswigschen Krieg von 1848-50 behielt Dänemark noch die Oberhand, erst im zweiten von 1864 (auch Deutsch-dänischer Krieg genannt) siegten die Bundestruppen unter preußischer und österreichischer Führung. Kriegsentscheidend war die Erstürmung der Düppeler Schanzen bei Sonderburg. Dänemark (unter seinem "deutschen" König Christian IX. aus dem Hause Glücksburg) kapitulierte. Schleswig kam unter preußische Verwaltung, Holstein unter österreichische.
Doch die beiden Siegermächte gerieten schon bald untereinander in Streit. 1866 kam es zum sogenannten Deutschen Krieg zwischen Preußen und Österreich. Preußen gewann, zwang Österreich, den Deutschen Bund zu verlassen, und machte beide "Elbherzogtümer" zu preußischen Provinzen.

Dänisches Ortsschild

Das blieben sie bis zum Ende des 1. Weltkriegs. Danach gab es auf dänischen Druck hin eine Volksabstimmung in der gemischtsprachigen Provinz Schleswig. Unter Aufsicht einer internationalen Kommission stimmte eine Mehrheit im Norden der Provinz für den Anschluss an Dänemark, im Süden für den Verbleib im Deutschen Reich. Und so wurde Schleswig entlang einer Linie am nördlichen Stadtrand von Flensburg geteilt; die Grenze verläuft mitten durch die Förde. Mehr als die Hälfte des schleswigschen Territoriums (bis hinauf nach Kolding) ist seither dänisch.
In beiden Landesteilen verblieb eine sprachliche Minderheit, aber beide sind heute vom jeweiligen Staat als solche anerkannt. Auf deutscher Seite hat die dänischsprachige Minderheit sogar eine eigene politische Partei im Kieler Landtag – und das unabhängig vom jeweiligen Wahlergebnis, denn der "Südschleswigsche Wählerverband" ist von der Fünf-Prozent-Klausel ausgenommen.
In Zeiten von "Schengen" kommt der deutsch-dänischen Grenze glücklicherweise nur noch formale Bedeutung zu. Praktisch ist sie nach beiden Seiten hin offen. Und diese Freizügigkeit wird rege genutzt. Vor allem Dänen kommen an Wochenenden scharenweise nach Flensburg herüber zum Einkaufen. In ihrem Land ist das Preisniveau nämlich deutlich höher. Allenthalben hört man dänisch sprechende Menschen, auch viele Schilder und Inschriften sind zweisprachig. So kommt es, dass Flensburg nicht nur die nördlichste Stadt Deutschlands*) ist, sondern – gefühlt – auch die südlichste Stadt Dänemarks**). Und dieses Gefühl trägt viel zu ihrem besonderen Charme bei.

Grenzübergang "Schusterkate"

 

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*) Streng genommen ist Flensburg nicht mal die nördlichste Stadt Deutschlands. Dieses Attribut kommt eigentlich Glücksburg zu, das auch schon seit 1900 die Stadtrechte besitzt und noch ein paar Kilometer weiter nördlich liegt. Mit seinen nur 6.000 Einwohnern wird es aber von vielen nicht als "richtige" Stadt wahrgenommen.
**) Die tatsächlich südlichste Stadt Dänemarks ist Gedser auf der Insel Falster. Mit offiziell 741 Einwohnern (Stand 2016) entspricht sie allerdings noch weniger dem, was man sich unter einer "Stadt" gemeinhin vorstellt.

 

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