Flensburger Förde 1

WIDER DAS KLISCHEE
- wie die Flensburger selbst ihre Stadt sehen

Auch wer noch nie dort war – zum Namen Flensburg fällt fast jedem sofort etwas ein: Manche denken an Beate Uhse, die dort ihren ersten Sexshop eröffnete. Andere wiederum denken an Flensburger Pilsener, das Bier mit dem "Plopp". Die allermeisten aber denken (wie erwähnt) an die gefürchteten Punkte, die den Führerschein kosten können. Das erleben auch die Flensburger immer wieder selbst, wenn sie irgendwo in Deutschland unterwegs sind. Und einigen geht dieses Negativ-Image mächtig auf die Nerven.

Umfrage (Radio SWR4 RP, 22.10.2017):

"Natürlich kommt als erstes immer der Satz: Mensch, da wo die Punkte sind. Oft ist es aber auch so, dass die Verortung in den Köpfen fehlt, und da fangen wir dann an zu schwärmen, wie schön es hier oben ist und was die Förderegion so alles zu bieten hat."

"Wir Flensburger denken an das Kraftfahrt-Bundesamt eigentlich eher als letztes. Wir finden vor allen Dingen die Anlage der Stadt schön und vor allen Dingen die Atmosphäre. Wo gibt es schon 'ne Stadt, wo man mitten in die Stadt mit dem Segelboot fahren kann?"

"Ich denke bei Flensburg eher an diese Hafengegend und dann, wenn ich überhaupt kraftfahrzeug- oder radfahrmäßig denke, dann denke ich daran, dass man in Flensburg anfahren am Berg üben kann."

"Es hat andere Attraktionen und gute Dinge, die man hier sehen kann, als unbedingt nur die Flensburger Kartei, Kraftfahrt-Bundesamt oder Ähnliches."

"Auf Flensburg kann man aus vielerlei Sicht stolz sein, und wenn man sich als erstes an das KBA erinnert, dann ist das ja auch schon was, aber man hat auf jeden Fall Lust den einen oder anderen mal hierher zu führen und zu zeigen, dass wir was anderes kennen als die drei Ps – Porno, Pils und Punkte."

 

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PUNKTE KÖNNEN LEBEN RETTEN
- das Verkehrszentralregister als Erfolgsmodell

Viele Autofahrer fürchten das Flensburger Verkehrszentralregister (seit 2016 offiziell "Fahreignungsregister"). Denn wer dort zu viele Punkte hat, ist seinen Führerschein los. Aber das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) sieht in dem vom Gesetzgeber eingeführten Punktesystem ein Erfolgsmodell: Vor der Einführung in den 1970er Jahren wurden fast 20.000 Verkehrstote gezählt, Ende 2016 waren es etwas mehr als 3.000. Immer noch zu viele, heißt es im KBA, aber doch deutlich weniger. Ob dies allein mit den Flensburger Punkten zusammenhängt oder auch mit der verbesserten passiven Sicherheit (stabileren Fahrzeugen, Gurtpflicht etc.), sei dahingestellt – vielleicht hat der drohende Führerscheinentzug ja doch so manchen Autofahrer zur Vernunft gebracht und vom Rasen abgehalten. Das hieße: Punkte können Leben retten.
Es gibt das Kraftfahrt-Bundesamt in Flensburg schon seit 1951. Der damalige Bundesverkehrsminister Hans-Christoph Seebohm wählte den abgelegenen Standort im hohen Norden, weil es eine strukturschwache Region war, die noch dazu viele Kriegsflüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten aufgenommen hatte. Mit der neuen Behörde wollte er Arbeitsplätze schaffen.
Zunächst bezogen die Mitarbeiter behelfsmäßige Räume in leerstehenden Villen und Kasernen. Das heutige Gebäude in der Fördestraße 16 wurde erst 1965 bezogen. Mehr als 1.000 Menschen sind dort beschäftigt.

Das Verkehrszentralregister am KBA existiert seit 1958. Ursprünglich wurden dort Daten eingetragen wie der Entzug oder die Versagung der Fahrerlaubnis. Erst als die Zahl der Verkehrstoten immer mehr zunahm, kam das sogenannte Mehrfachtäter-Punktsystem. Wer fortan 18 Punkte auf seinem Konto angehäuft hatte, musste den Führerschein abgeben. Das System sollte präventiv wirken, die Verkehrsteilnehmer mäßigen und zu einem "verkehrssicherheitskonformen" Verhalten anregen.
Um die Unfallzahlen noch weiter zu senken, gab es am 1. Mai 2015 eine Reform. Das Mehrfachtäter-Punktsystem wurde abgelöst vom neuen Fahreignungs-Bewertungssystem. Das hat nicht nur einen anderen Namen, es brachte auch wichtige Änderungen. Was genau, erklärt KBA-Pressesprecher Stephan Immen:

[zum Anhören klicken: O-Ton Stephan Immen]

"Das Fahreigungs-Bewertungssystem hat nicht wie das alte System 18 Punkte, sondern bei 8 Punkten ist schon der Entzug der Fahrerlaubnis zu erwarten. Es gibt die Fokussierung auf rein verkehrssicherheitsbeeinträchtigende Verstöße. Sie bekamen zu Zeiten des Mehrfachtäter-Punktsystems zum Beispiel auch einen Punkt für die Einfahrt in eine Umweltzone ohne entsprechende Plakette. Das ist ja nicht wirklich verkehrssicherheitsbeeinträchtigend, sondern eher ein Umweltaspekt, der hier berührt ist. Solche Delikte sind komplett aus dem bundeseinheitlichen Tatbestandskatalog punktbewehrt gestrichen. Es werden tatsächlich nur verkehrssicherheitsbeeinträchtigende Verstöße hier eingetragen. Sie haben auch weniger Möglichkeiten Punkte abzubauen, Sie können heute nur noch einmal innerhalb von fünf Jahren einen Punkt abbauen – und das auch nur unter der Voraussetzung, dass Sie nicht mehr als 5 Punkte haben. Das System ist insgesamt natürlich ausgelegt mit dem Blick auf die Verkehrssicherheit, es ist etwas strenger als das vorherige System, aber letzten Endes wird durch dieses präventive Wirken die Verkehrssicherheit weiter erhöht."

Am 1. Januar 2017 lag die Gesamtzahl der Punktekonten bei rund 10 Millionen. Das sind etwa 20 Prozent aller Führerscheininhaber in Deutschland. Eine leichte Steigerung gegenüber dem Vorjahr, die das KBA aber vor allem darauf zurückführt, dass die Tilgungsfrist für die Punkte im neuen Fahreignungs-Bewertungssystem verlängert wurde. Der Führerschein akut gefährdet ist nur bei einem kleinen Bruchteil der 10 Millionen "Konto-Inhaber". Die allermeisten Registrierten haben nur einen oder zwei Punkte in Flensburg.
Wer genau wissen will, wie viele Punkte auf seinem Konto eingetragen sind, kann dies übrigens auch direkt vor Ort erfragen. In einem Pavillon vor dem Tor des Kraftfahrt-Bundesamts geben freundliche Mitarbeiter Auskunft. Man muss nur den Personalausweis zur Legitimation vorlegen. Dann dauert es ein paar Minuten, um einen Computer-Ausdruck des persönlichen "Kontoauszugs" zu erstellen.
Mein Kontostand bei der Abfrage am 5. September 2017 lag übrigens erfreulicherweise bei 0. Vielleicht bin ich ein Musterknabe im Straßenverkehr, vielleicht hatte ich aber auch einfach nur Glück nicht erwischt zu werden...

 

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Hier geht's weiter zum Hafen-Flair und der Reportage "Flensburger Förde 2".