Easy Rider 3


HIGHWAY-RITTER (TEIL B)
- vom Grand Canyon nach Vancouver

Gut 1000 Meilen haben wir hinter uns, dabei einige der berühmtesten Attraktionen des amerikanischen Westens abgehakt, aber immer noch zwei Drittel unserer Strecke vor uns. Ein weites Land. Was das bedeutet, wird uns jetzt erst richtig bewusst. Doch zumindest die Fahrtrichtung ändert sich von nun an. Der Wegweiser zeigt nach Norden und dann – naja, nicht immer – geradeaus.

Titelfoto: Monument Valley in Utah

Reportage (Radio hr3, 17.08.1997):

[Musik: indianische Gesänge]

Das Grenzgebiet zwischen Arizona und Utah ist Indianerland. Ärmlich wirkende Navajos bieten am Straßenrand bunte Wolldecken und handgemachten Silberschmuck an, aber die meisten Touristen fahren achtlos vorbei. Den stolzen Ureinwohnern Amerikas ging es schon mal besser. Einen wertvollen Schatz aber hat der weiße Mann ihnen gelassen: das Monument Valley. Umso bereitwilliger zahlen wir die paar Dollar Eintritt für eine grandiose Western-Kulisse.

[Musik: Western-Musik]

Wo einst ein weites Hochplateau war, ragen heute nur noch ein paar rote Felsen wie Monumente aus der Ebene heraus. Wie schon am Grand Canyon haben Wind und Wetter ganze Arbeit geleistet. Die geballte Kraft der Erosion macht uns fassungslos und weckt ganz bestimmte Assoziationen.

[O-Töne Motorrad-Touristen Britta und Herbert:]
"Jede Werbung mit Marlboro und Camel. Und es is' total beeindruckend ..."
"... Weil, weil, weil ich des net versteh'n kann. So, so, so im flachen Land – is' ja eigentlich – so große Monstrümmer da, so große Türme da. Weil ich des kaum versteh'n kann, wie's so was gibt."

[Musik: sphärische Klänge]

Auch im Arches Nationalpark zeugen bizarre Statuen und natürliche Brücken von den Urgewalten der Natur. Zum Glück brauchen sie für ihr Werk Millionen von Jahren, denn Regen und Wind setzen jetzt auch uns immer mehr zu. Außerdem wird es kühler, je weiter wir nach Norden kommen. Meine Lederjacke reicht bald nicht mehr aus. In Jackson, Wyoming, ist ein warmer Pullover fällig. Ausgerechnet dort, wo sich andere Leute mit Cowboyhüten und Westernboots eindecken.

Monument Valley
Arches N.P.
Bison im Yellowstone N.P.

[Atmo: Saloon]

Der Wilde Westen lebt – zumindest im Saloon von Jackson Hole. Die Band spielt Country Music, die Gäste tanzen Square Dance oder kippen Whiskeys an der Bar. Sie tragen karierte Hemden und Fransenjacken, auf dem Kopf den traditionellen Stetson. Es ist fast wie in der guten alten Zeit. Fehlt eigentlich nur eine ordentliche Schießerei, und die Illusion von "Bonanza" wäre perfekt.

[Atmo: Saloon]

Auf der Fahrt durch den Yellowstone Nationalpark kriegen wir dann sogar eine Büffelherde zu sehen. Die mächtigen Bisons grasen ganz friedlich um Old Faithful, den berühmten Geysir, herum.

(Atmo: Geysir)

Alle zwei Stunden schießt die kochend heiße Fontäne gen Himmel. Als die nächste Eruption angekündigt wird, stehen schon Hunderte von Schaulustigen parat.

[O-Ton Motorrad-Tourist Herbert:]
"Jedesmal, wenn der Geysir angefangen hat zu spucken, so ganz leicht, so Vorgeplänkel, da haben's jedesmal die Kamera gezückt, dann war's wieder nix, dann wieder weg. Also, das war für mich das Schönste – also nicht der Geysir, sondern die Leute."

Hier auf 2000 Meter liegt noch eine dichte Schneedecke. Trotzdem zieht Yellowstone die Besucher in Scharen an. Die Tierwelt scheint sich dran gewöhnt zu haben. Selbst unsere erste Begegnung mit einem Grizzly-Bären findet vor reichlich Publikum statt.

[O-Ton Motorrad-Touristin Birgit:]
"Es war natürlich 'n Riesen-Touristenaufkommen und dementsprechend hat's von der Natürlichkeit 'n wenig eingebüßt. Aber es war schon beeindruckend, den so zu sehen und aus 'ner relativ kurzen Distanz auch. Wie im Zoo, nur natürlicher."

Grizzly im Yellowstone N.P.
Glacier N.P.
Ankunft in Vancouver

Nach dem Yellowstone folgt der Glacier Nationalpark im Norden von Montana. Majestätische Berge, kristallklare Seen – und wunderbare Kurven. Da schlägt das Bikerherz noch einmal höher. Denn schon geht unsere Mammut-Tour dem Ende entgegen. Wir passieren die kanadische Grenze und können so langsam Bilanz ziehen: Super war's. Alle sind heil geblieben. Wir haben in den drei Wochen viel erlebt und viel gesehen – zu viel vielleicht, um es richtig zu verdauen.

[Atmo Motorrad-Touristen:]
"Sagt mir doch mal, durch welche Bundesstaaten wir gekommen sind auf der Reise!"
[Lachen]
"Weiß ich nicht mehr ... (Lachen) – Idaho und Washington fällt mir ein."
"Kalifornien, Arizona, Utah, Colorado ... Was ham wir noch? (Pause) Wyoming ..."
"Nevada, Montana ... und das war's wohl. Und jetzt sind wir in Kanada."

Na, also. Mit vereinten Kräften gerade noch mal die Kurve gekriegt. Wir sind eben eine harmonische Gruppe. Umso schwerer fällt schließlich der Abschied in Vancouver. Natürlich vereinbaren wir ein Revival-Treffen in Deutschland. Mal schauen, ob was draus wird ...

 

__________________________________________________

Nachtrag:

Wir haben uns im darauf folgenden Sommer tatsächlich noch zweimal getroffen – wenn auch nicht alle dabei waren – danach aber wieder aus den Augen verloren.

 

__________________________________________________

Hier geht's weiter zu den Strapazen der Tour und der Reportage Easy Rider 4.